Harry Kupfer, der am 30. Dezember in seiner Heimatstadt Berlin im Alter von 84 Jahren gestorben ist, war einer der prägenden Opernregisseure in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Jede seiner Regiearbeiten trug den Stempel des Außerordentlichen.

Als ein aus der DDR kommender Regisseur war Kupfer geprägt von Bertolt Brecht und Walter Felsenstein. Bei Felsenstein lernte Kupfer, den Charakter einer Figur als Begründung ihres Agierens zu inszenieren. Von Brecht übernahm er die Verortung eines Menschen in einer Gesellschaftsordnung als Movens des Bühnengeschehens.

Kupfer wünschte sich für die Oper ein mit- und nachdenkendes Publikum. Seine Bühne war hell ausgeleuchtet. Er bevorzugte bei der Ausstattung einen gebrochenen Realismus. Seine Zusammenarbeit mit Hans Schavernoch gilt als legendär. Bei den Bayreuther Festspielen polarisierte Kupfer mit seiner Ästhetik: Seine Deutungen des "Fliegenden Holländers" (1978) als erotische Fantasie Sentas über die Beziehung mit einem Schwarzen und des "Ring des Nibelungen" (1988) als Parabel über die Unmöglichkeit, Macht, Kapital und Menschlichkeit zu versöhnen, verstörten und begeisterten gleichermaßen.

Doch Kupfer war kein blinder Parteigänger des Regietheaters. Er versuchte, jedes Werk individuell zu erfassen. So behandelte er mythische Stoffe anders als märchenhafte, zeitnahe anders als historische. Bei Mozarts "Entführung aus dem Serail" etwa oder bei Udo Zimmermanns "Der Schuhu und die fliegende Prinzessin", bei Schostakowitsch wie bei Leoš Janáèek begnügte er sich oft damit, das Werk aus den Charakteren heraus zu erzählen, ohne ihm fremde Ideen überzustülpen. So verfuhr er auch bei Richard Strauss‘ "Rosenkavalier", den er 2014 für die Salzburger Festspiele inszenierte.

Überraschend kam, dass Kupfer Musicals für die Vereinigten Bühnen inszenierte: Mit "Mozart!", noch mehr mit "Elisabeth" machte er Furore, indem er Show und gestalterische Intelligenz ausbalancierte.
1981 war Kupfer die künstlerische Leitung der Komischen Oper in Berlin übertragen worden. 2002 verabschiedete er sich mit der Inszenierung von Benjamin Brittens "The Turn of the Screw".