Tür auf. Tür zu. Tür auf. Treppe hinauf. Tür auf. Tür zu. Tür auf. Treppe hinunter. Tür - offen oder zu? Egal. Es gibt zwar nur eine Treppe, aber viele Türen. Und einen Teller mit Ölsardinen.

Michael Frayns "Der nackte Wahnsinn" ("Noises Off") ist seit der Uraufführung 1982 ein Erfolgsgarant. Laientruppen, Stadttheater, Bühnen, die in ihrem Titel "Komödie" führen, greifen bei der zwerchfellzerreißenden Selbstreflexion gerne zu. Martin Kušej bringt den Boulevard-Dauerbrenner als Silvester-Premiere ans Burgtheater. Der Hausherr, der einen dunkelschwarzen "Don Karlos", einen Drogentrip-"Faust" und eine langwierige "Hermannsschlacht" geboten hat, macht sich nun also einen Jux. Und erweist sich, nicht zuletzt dank eines brillanten Ensembles, als Klamotten-Kaiser.

In München hat er sich mit dem "Nackten Wahnsinn" als Residenztheater-Intendant verabschiedet. Die lokalen Aperçus hat er für Wien umgeschrieben, jetzt sind die Wiener Festwochen das Festival, bei dem die Schauspieler ihre Stücke selbst erfinden. Das Burg-Publikum klopft sich vor Vergnügen auf die Schenkel.

Eine Farce ist eine Farce

Das deutsche Feuilleton hat über die Münchner Premiere vor allem geschrieben, was sie nicht ist: keine Dekonstruktion, keine Philosophie, keine Deutung. Wobei übersehen wird, dass die Dekonstruktion der Autor selbst geliefert hat. Nur transponiert er sie ins Farcenhafte. Da probt im ersten Akt eine Tournee-Truppe bis zur letzten Sekunde vor der Premiere eine Komödie, die alle labichesken Versatzstücke ungekonnt aneinanderreiht. Der Witz des Stücks läge im rasanten Ablauf, doch Hemmnisse sind überall. Im zweiten Akt ist man mitten in der Tournee und hinter der Bühne. Affären und Animositäten lassen die Aufführung entgleiten. Dritter Akt, letzte Station der Tournee: Türen bleiben zu, Türschnallen in der Hand, die Sardinen liegen auf dem Boden statt auf dem Teller. Notwendige Improvisationen verbeulen das Stück, das Debakel ist perfekt, nur das Lachen triumphiert. Vorhang ‘runter.

Philosophie? Deutung? - Eine Farce ist eine Farce ist eine Farce. Kušej tut gut daran, es dabei zu belassen. Und es mit augenzwinkenden Gags zu betonen. Die Schauspieler tragen ihre eigenen Namen: Sophie von Kessel ist Sophie, Till Firit ist Till, Genija Rykova ist Genia und so weiter. Nur Deleila Piasko heißt als Regieassistentin Mechthild, und Norman Hacker spielt den an seinem Ensemble verzweifelnden Regisseur namens Martin K. Wer damit gemeint sein mag? Im Stück im Stück heißt der Schriftsteller Franz Xaver Hötz, er hat sich aus Steuergründen in Spanien niedergelassen und mit Franz Xaver Kroetz Wohnsitz und Schnauzbart gemein.

Typen mit fallenden Hosen

Bühnenbild (Annette Murschetz) und Kostüme (Heide Kastler) sind ein Triumph in ihrer Schmierenseligkeit. Alles ist Kulisse und Fundus. Es sind herrliche Details, wenn das Bühnenbild im dritten Akt identisch ist mit dem des ersten - nur ist es jetzt merklich ramponiert. Ob es den Ausdeuter Kušej viel gekostet hat, diesmal an der Oberfläche zu bleiben? - Sophie von Kessel ganz gegen ihre Ausstrahlung schlampig, Till Firit ein oberflächlicher Beau, Genija Rykova eine sehr blonde Schönheit, Katharine Pichler eine Rampensau, Paul Wolff-Plotegg alkoholumnebelt, Deleila Piasko und Arthur Klemt stets zur Stelle, wenngleich meist an der falschen, und Norman Hacker mit zerreißenden Regisseurs-Nerven: Das ist ein Typeninventar, mit dem es Kušej merklich Spaß gemacht hat, Stolpern, falsche Auftritte und fallende Hosen zu inszenieren: Seht her, ich kann auch Farce, scheint er zu sagen. Und inszeniert grell, rasant und dauerwitzig, vielleicht ohne es zu intendieren, eine Farce über die Farce in der Farce.

Das Publikum tobt vor Vergnügen.

Nur den nackten Silvester-Wahnsinn vor dem Haus, den konnte selbst Martin Kušej nicht toppen.