Markus Schöttl ist für die nächsten zwei Jahre ausgebucht. Er spielt nämlich ab 14. März im Mehr! Theater in Hamburg an fünf Abenden pro Woche die Hauptrolle in der ersten deutschsprachigen Version von "Harry Potter und das verwunschene Kind" und probt dafür derzeit acht Stunden täglich. Dabei hatte er bis zur Zusage im Mai 2019 gar nichts mit Harry Potter am Hut, wie er im Interview gesteht. Darin schildert der 42-jährige Klagenfurter, der genau im passenden Alter ist (das Theaterstück schließt 19 Jahre nach dem letzten Harry-Potter-Buch an), seine bisherigen Eindrücke von der Inszenierung, die mit fast fünf Stunden Spieldauer schon Opernausmaße hat.

Markus Schöttl und seine aktuelle Rolle: Keine Liebe auf den ersten Blick, dafür jetzt umso intensiver. - © Hergen Schimpf
Markus Schöttl und seine aktuelle Rolle: Keine Liebe auf den ersten Blick, dafür jetzt umso intensiver. - © Hergen Schimpf

"Wiener Zeitung": Sie verkörpern Harry Potter - wann haben Sie die Bücher zum ersten Mal gelesen?

Markus Schöttl: Vor einem halben Jahr, nachdem klar war, dass ich die Rolle wirklich habe. Bis zum Casting in Wien, bei dem ich mehr zufällig gelandet bin, hatte ich mich nie wirklich dafür interessiert. Ich habe auch damals beim Casting den großen Fauxpas begangen, der Jury ganz ehrlich zu sagen, dass ich bis dahin weder einen der Filme gesehen noch jemals eines der Bücher in die Hand genommen hatte.

Die 35 Darsteller haben mehr als 600 Kostüme. - © Matthew Murphy
Die 35 Darsteller haben mehr als 600 Kostüme. - © Matthew Murphy

Und trotzdem wurden Sie genommen - oder gerade deshalb, wegen Ihrer Unvoreingenommenheit?

Wer weiß? Inzwischen habe ich mich jedenfalls in die Rolle eingelebt und das Gefühl, dass ich hier richtig bin. Das hat aber Zeit gebraucht, weil ich natürlich begriffen habe, was das für eine Riesennummer ist, wie groß die Fangemeinde ist, in welche großen Fußstapfen ich da trete. Aber ich spüre jetzt in den Proben, dass wir viel Freiraum für eigene Interpretationen unserer Figuren bekommen.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Ich habe alle sieben Harry-Potter-Bücher gelesen, und zwar im Original auf Englisch. Und ich muss ehrlich sagen, dass ich wirklich reingezogen wurde. Ich habe die Faszination gut nachvollziehen können. Es ist wirklich toll, welche Parallelen Joanne K. Rowling zieht und was man da alles an Gesellschafts- und Weltpolitik in diesen Büchern im Kleinen wiederfindet. Sie sind ja mit der ersten Generation von Lesern mitgewachsen, und es wird von Buch zu Buch immer dunkler, vor allem der letzte Band ist sehr archaisch, der hat schon fast biblische Ausmaße. Gerade das Ende kann man als Metapher sehen: Du musst einen Teil deiner Persönlichkeit sterben lassen, um weiterzuleben. Das ist eigentlich auch ein bisschen das Thema des Stückes. Was Rowling im siebenten Band noch mit sehr großen Mitteln beschreibt, führt sie im Stück eigentlich sehr klug und psychologisch fort, aber in Hinblick auf eine Familie: Was kommt wieder oder was muss ich tatsächlich als Elternteil loslassen, damit ich der nächsten Generation etwas Positives geben kann und nicht der gleiche Fehler wieder passiert? Ich finde auch ganz toll, dass sie sich fragt: Wie geht es so einem Mann, der vierzig ist, der als Kind und Jugendlicher in einem Krieg gekämpft hat, ist der glücklich, mit sich im Reinen? Oder gibt es da blinde Flecken im Unterbewusstsein, die er sich nie angeschaut hat? Das hat mich sehr überzeugt von dem Stück. Natürlich gibt es auch viel Zauberei und Action, aber wenn man das alles wegnimmt, bleibt tatsächlich ein wahnsinnig kraftvolles Stück über Elternsein, Kindsein, Erwachsenwerden, Vergebung, es ist sehr weltumfassend und hat etwas zu sagen.