Was lange währte, wird nun offenbar doch endlich gut. Eigentlich sollte Markus Schöttl ab 14. März 2020 im Mehr! Theater in Hamburg an fünf Abenden pro Woche die Hauptrolle in der ersten deutschsprachigen Version von "Harry Potter und das verwunschene Kind" spielen. In den Monaten davor probte er acht Stunden täglich und fieberte der Premiere entgegen - doch die musste im letzten Moment abgesagt werden, weil genau zu diesem Zeitpunkt die Corona-Pandemie auch Deutschland mit voller Wucht traf.

Nun soll die Inszenierung, die mit fast fünf Stunden Spieldauer schon Opernausmaße hat, endlich wirklich auf die Bühne kommen. Premiere ist jetzt am 5. Dezember in Hamburg. Die "Wiener Zeitung" sprach während der Proben im Jänner 2020 mit dem gebürtigen Klagenfurter. Im Interview gestand er, dass er bis zur Zusage im Mai 2019 gar nichts mit Harry Potter am Hut gehabt hatte, und schilderte seine bisherigen Eindrücke von der Inszenierung.

Markus Schöttl und seine aktuelle Rolle: Keine Liebe auf den ersten Blick, dafür jetzt umso intensiver. - © Hergen Schimpf
Markus Schöttl und seine aktuelle Rolle: Keine Liebe auf den ersten Blick, dafür jetzt umso intensiver. - © Hergen Schimpf

"Wiener Zeitung": Sie verkörpern Harry Potter - wann haben Sie die Bücher zum ersten Mal gelesen?

Die 35 Darsteller haben mehr als 600 Kostüme. - © Matthew Murphy
Die 35 Darsteller haben mehr als 600 Kostüme. - © Matthew Murphy

Markus Schöttl: Vor einem halben Jahr, nachdem klar war, dass ich die Rolle wirklich habe. Bis zum Casting in Wien, bei dem ich mehr zufällig gelandet bin, hatte ich mich nie wirklich dafür interessiert. Ich habe auch damals beim Casting den großen Fauxpas begangen, der Jury ganz ehrlich zu sagen, dass ich bis dahin weder einen der Filme gesehen noch jemals eines der Bücher in die Hand genommen hatte.

Und trotzdem wurden Sie genommen - oder gerade deshalb, wegen Ihrer Unvoreingenommenheit?

Wer weiß? Inzwischen habe ich mich jedenfalls in die Rolle eingelebt und das Gefühl, dass ich hier richtig bin. Das hat aber Zeit gebraucht, weil ich natürlich begriffen habe, was das für eine Riesennummer ist, wie groß die Fangemeinde ist, in welche großen Fußstapfen ich da trete. Aber ich spüre jetzt in den Proben, dass wir viel Freiraum für eigene Interpretationen unserer Figuren bekommen.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Ich habe alle sieben Harry-Potter-Bücher gelesen, und zwar im Original auf Englisch. Und ich muss ehrlich sagen, dass ich wirklich reingezogen wurde. Ich habe die Faszination gut nachvollziehen können. Es ist wirklich toll, welche Parallelen Joanne K. Rowling zieht und was man da alles an Gesellschafts- und Weltpolitik in diesen Büchern im Kleinen wiederfindet. Sie sind ja mit der ersten Generation von Lesern mitgewachsen, und es wird von Buch zu Buch immer dunkler, vor allem der letzte Band ist sehr archaisch, der hat schon fast biblische Ausmaße. Gerade das Ende kann man als Metapher sehen: Du musst einen Teil deiner Persönlichkeit sterben lassen, um weiterzuleben. Das ist eigentlich auch ein bisschen das Thema des Stückes. Was Rowling im siebenten Band noch mit sehr großen Mitteln beschreibt, führt sie im Stück eigentlich sehr klug und psychologisch fort, aber in Hinblick auf eine Familie: Was kommt wieder oder was muss ich tatsächlich als Elternteil loslassen, damit ich der nächsten Generation etwas Positives geben kann und nicht der gleiche Fehler wieder passiert? Ich finde auch ganz toll, dass sie sich fragt: Wie geht es so einem Mann, der vierzig ist, der als Kind und Jugendlicher in einem Krieg gekämpft hat, ist der glücklich, mit sich im Reinen? Oder gibt es da blinde Flecken im Unterbewusstsein, die er sich nie angeschaut hat? Das hat mich sehr überzeugt von dem Stück. Natürlich gibt es auch viel Zauberei und Action, aber wenn man das alles wegnimmt, bleibt tatsächlich ein wahnsinnig kraftvolles Stück über Elternsein, Kindsein, Erwachsenwerden, Vergebung, es ist sehr weltumfassend und hat etwas zu sagen.

Die Filme leben von Spezialeffekten. Wie ist das auf der Theaterbühne?

Die Produktion bedient sich sehr geschickt und smart an allen möglichen Theatermitteln. Es ist typisch britisch und sehr magisch. Es gibt eine große Bandbreite an Theatereffekten, wobei manche wirklich noch aus dem viktorianischen Theater stammen, also ganz alt sind, und teilweise so eingesetzt werden, dass man vielleicht erahnt, wie sie funktionieren, aber beim Zuschauer eher so etwas auslösen wie ein totales Wohlgefühl. Es hat einfach Charme. Es ist keine glatte Special-Effects-Show, aber es gibt schon auch einige Dinge, die so unglaublich sind, dass ich selbst nach dreimal zuschauen immer noch nicht verstehe, wie sie funktionieren. Es geht aber nie um den reinen Effekt. Einiges, das echt toll gewesen wäre, ist letztlich nicht im Stück gelandet, weil es zu sehr abgelenkt hätte. Da wurde seit der Uraufführung in London vor vier Jahren viel ausprobiert, das Stück wird ja inzwischen auch am Broadway in New York, in Melbourne und in San Francisco gespielt.

Haben Sie eine sinnvolle Erklärung dafür, warum diese "Harry Potter"-Geschichte noch nicht verfilmt wurde?

Ich könnte mir vorstellen, dass es eine ganz bewusste Entscheidung von Rowling war, daraus ein Theaterstück zu machen. Weil es tatsächlich mehr um die menschliche Qualität im Stück geht - nicht nur Harry ist erwachsen, sondern auch Hermine, Ron, Ginny, Draco - und diese Geschichte in der Unmittelbarkeit auf der Theaterbühne stärker funktioniert als auf der Leinwand. Vielleicht wollte man auch ein anderes Publikum erreichen. Man hätte mit einem achten Harry-Potter-Film vielleicht mehr Geld machen können, aber ich finde, es war eine gute Idee, das auf die Bühne zu holen und dort etwas über Familie und Gesellschaft zu erzählen. Und ich denke, solange das Stück so erfolgreich auf englischen, amerikanischen, australischen und deutschen Bühnen läuft, wird es keinen Film geben. Außerdem hätte allein schon die Besetzung Fragen und Erwartungshaltungen aufgeworfen: Hätte wieder Daniel Ratcliffe den Harry Potter gespielt? Dem schaue ich zum Beispiel gar nicht ähnlich.

Das Stück ist ungewöhnlich lang.

Ja, ich habe schon beim Casting ganz offen gesagt, dass ich eigentlich recht kritisch auf diese riesige Produktion zugehe. Mein Engagement geht ja nicht nur für mindestens zwei Jahre, was im Sprechtheater sehr ungewöhnlich ist, sondern auch das Stück selbst hat fast schon Opernausmaße mit einer Gesamtspielzeit von fünf Stunden in zwei Teilen und vier Akten mit jeweils kleineren und einer großen Pause dazwischen. Das findet man im Sprechtheater heute eher selten. Es hat etwas von einer Wallfahrt, man geht durch alles Mögliche durch. Und meine Kollegen haben sehr viele Kostümwechsel, es sind mehr als 600 Kostüme für 35 Schauspieler - ich als Harry allerdings habe die ganze Zeit nur ein einziges: das Outfit der magischen Strafverwaltung, bei der Harry inzwischen arbeitet. Er wird ja auch recht unerwartet in gewisse Dinge hineingezogen und hat kaum Zeit zum Umziehen.

Das klingt sehr anstrengend.

Ja, wir spielen es ja auch an drei Tagen pro Woche durch und an zwei Abenden jeweils eine Hälfte, also stehen wir fünf Tage wöchentlich auf der Bühne, und das für die nächsten zwei Jahre. Es wird spannend, wie wir es machen, wenn wir am Donnerstagabend das Publikum mit dem Ende des ersten Teils nach Hause schicken und dann erst am Freitagabend mit dem zweiten Teil anschließen. Das gibt mitunter schlaflose Nächte. Aber auch wenn es oft sehr anstrengend ist und wir ans Ende unserer Reserven gebracht werden, fühlt es sich jetzt total sinnvoll und als künstlerisch inspirierend verbrachte Lebenszeit an. Was man im Theater nicht immer hat.