Mehr als Anreißer denn als Partitur nutzt Sören Kneidl in seinem Live-Hörspiel Franz Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie" - geschrieben 1914, noch vor der abendländischen Apokalypse von Verdun. Grausamkeit, Rechtlosigkeit waren von den Kolonialmächten ausgelagert in die Tropen. Das schreckliche Sinnbild wird einem lauen Humanisten aus Europa vorgeführt: Eine Maschine stichelt dem Delinquenten das Gebot, dem er sich verweigerte, todbringend in den Leib. Letztendlich zerstört sie sich selbst und den Maschinisten.

Der Absolvent der Privatuni der Stadt Wien schält für sein Kraftsolo aus den 30 Buchseiten vielleicht drei und streut Kafka-Sätze aus dem "Prozess", "Urteil" und dem "Verschollenen" ein. Verlockung und Gefahr der kolonialen Exotik inszeniert er in einer minimalistischen Robinsonade samt Schiffshavarie und Pirsch durch den Dschungel. Die Flussfahrt aus Joseph Conrads "Das Herz der Finsternis" ist wiederzuerkennen, auch Captain Willard in "Apocalypse Now" an der Schwelle zum Nowhere.

Für die optische Kulisse genügt Kneidl grünes Laub. Eine Batterie von Mikrofonen, Verzerrern, Echogebern pustet Alltagslaute auf zur Dschungelmelodie. Kneidl nimmt Donnerblech, Gitarre, Akkordeon zur Hand. Robin Gadermaier und Lukas Böck entreißen Bass und Schlagzeug den durchdringenden Konter-Beat der Geschlagenen. Statt Literatursoiree grelle Lautpoesie. Zum Schluss verkündet Kneidl in der Sprechmaske des gestürzten Kolonialherrn mit zum Himmel geöffneten Händen "Glaubet und wartet". Auf Segen oder Heil?