Schuld ist einer der zentralen Begriffe, die Elfriede Jelinek in ihren Texten wieder und wieder thematisiert. Schuld als der Menschheit eigentlichstes Merkmal. Und, für Österreich, dann wohl auch die "Nicht-Schuld". Nur nicht schuld sein, Schuld haben oder Schulden (die eigenen oder gar die des Staates). Schuld zu haben lässt sich am besten an Einzelfällen herausarbeiten. Wie etwa jenem Unglück von Kaprun, dem Brand der Gletscherbahn im Jahr 2000, an dem auch niemand schuld gewesen war.

V. l.: Alice Peterhans, Tamara Semzov, Veronika Glatzner - © Bettina Frenzel
V. l.: Alice Peterhans, Tamara Semzov, Veronika Glatzner - © Bettina Frenzel

Hier setzt Claudia Bossards aktuelle Wiener Inszenierung im Kosmos Theater ein. Vier bebrillte Akademiker alter und neuer Schule, gekleidet zwischen den Zeiten - die Mode von 2000, die noch fest in den (Berg-)Schuhen des vorbeimarschierten Jahrzehnts steht, trifft den pastelligen Normcore von heute -, verhandeln phrasengewaltig Werk und Wesen der bewunderten Nobelpreisträgerin, bis ihre belesene Annäherungsversuche in schierer Banalität verenden.

Textmassiv

Ein wenig fürchtet man schon, dass sich der Abend auf der parasitären Metaebene verliert, doch mit dem ersten Jelinek-Monolog ändert die Inszenierung ihre Richtung, verwirft die angedeuteten Situationen und Personenkonstellationen im gleißenden Licht der mühsam hereingeschleppten antiken "Säulenhalle", wird dichter und grausamer.

Im Hintergrund begleitet die Projektion eines Gletschermassivs die Auflösung jedweden Interpretationsversuchs bei gleichzeitiger Verdichtung des Jelinekschen Textmassivs. Hie und da zieht darin ein gigantisches Kreuzfahrtschiff durch die Kälte der Landschaft, bis am Ende die Kollision von Werk und Werk zum Einsturz führt. Die Natur suchen die fünf furiosen Protagonisten dieser beeindruckend komponierten Inszenierung, die sich nur streckenweise etwas verliert, hingegen erfolglos.