Das Stück der Stunde könnte ein Roman aus dem Jahr 1937 sein: Ödön von Horváths "Jugend ohne Gott". Der Autor war zur Entstehungszeit schon auf der Flucht vor den Nazis, seine Stücke wurden in Deutschland nicht mehr gezeigt, der Roman erschien in einem Exilverlag in Amsterdam. Horváth erzählt darin parabelartig von der Machtübernahme durch die Faschisten. Hellsichtig hält der Autor fest, wie Drill, Gehorsam und Angst in den Alltag eines Provinzgymnasiums einsickern und das christlich-humanistische Wertesystem erodiert. Hermann Hesse schrieb damals über den Roman, "er schneidet quer durch den moralischen Weltzustand von heute." Unmittelbar nach Erscheinen wurde das Buch in acht Sprachen übersetzt und postwendend von der Gestapo auf die "Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" gesetzt.

Dieser Tage findet sich "Jugend ohne Gott" auf erstaunlich vielen Theaterspielplänen wieder. Nurkan Erpulat brachte eine Dramatisierung als "Chronik der Verrohung" im Berliner Gorki Theater heraus, Thomas Ostermeier gelang eine viel beachtete Auseinandersetzung bei den diesjährigen Salzburger Festspielen. Nun arbeitet Petra Wüllenweber die Mechanismen, die zu einer Diktatur führen können, im Theater im Zentrum heraus. Die Aufführung in der Innenstadtspielstätte des Theaters der Jugend richtet sich definitiv nicht nur an ein junges Publikum (ab 13 Jahren).

Petra Wüllenweber. - © C. Jäckel
Petra Wüllenweber. - © C. Jäckel

Der generationenübergreifende Ansatz ist für die Theaterfrau programmatisch: "Mir ist am Theater wichtig, dass es um ein Thema geht, das uns alle angeht", sagt die 48-jährige Regisseurin im Gespräch mit der "Wiener Zeitung." "Ich glaube an die Kraft des Erzählens." Wüllenweber arbeitet nicht ausschließlich am Kinder- und Jugendtheater, sondern regelmäßig auch an Bühnen für ein erwachsenes Publikum. Das ist in der Branche nicht unbedingt üblich. Auch als Dramatikerin hat sie sich in beiden Sphären einen Namen gemacht: Ihr Cybermobbing-Stück "Netboy", 2015 im Theater im Zentrum zu sehen, ist eine fulminante Auseinandersetzung mit der dunklen Seite des Umgangs von Jugendlichen mit sozialen Medien; ihre hellsichtige Burnout-Studie "Restglühen" (2015) ist wiederum ein Bühnenhit im Erwachsenentheater. "Ich lasse mich ungern in Schubladen stecken", sagt die vielseitige Theatermacherin über ihr Arbeitsfeld.

2018 inszenierte Wüllenweber mit "Die weiße Rose" ein Stück über die gleichnamige Widerstandsbewegung im Theater im Zentrum. Dabei gelang ihr die Gratwanderung zwischen historischer Dokumentation und mitreißendem Bühnenspiel. Nun also Horváths "Jugend ohne Gott": "Der Stoff hat mich nicht mehr losgelassen", so Wüllenweber. "Was Horváth beschreibt, hat viel mit unserer Gesellschaft zu tun - Menschen werden ausgegrenzt, es kommt zu Verhärtungen und Verrohungen."

Quer durch den Bühnenraum schlängelt sich eine Holzbrücke, als Symbol für die Schullandwoche, die sich als paramilitärisches Trainingscamp entpuppt. Dort eskaliert die Gewalt, es kommt zu einem rätselhaften Mord und Selbstmord. Im Zentrum des Geschehens steht der Gewissenskonflikt des Lehrers, den Jürgen Heigl überzeugend darzustellen vermag. Wüllenwebers Bühnenfassung zeichnet gekonnt die Entwicklung des Protagonisten nach - von der anfänglichen Anpassung an das faschistoide System über die zunehmende innere Zerrissenheit bis hin zur überraschenden Wende. Chapeau.