Das Spiel der Egoismen entgleitet, das Ende ertrinkt in Gewalt, Blut, Tod: Ein Schockmoment, der den Atem stocken lässt. Gernot Plass überschreibt die "Medea" des Euripides zum heutigen Beziehungsthriller und inszeniert ihn explosiv und detailgenau an seinem TAG.

Vor rund einem Jahr war ein ähnliches Unterfangen am Burgtheater zu sehen: Simon Stone hatte die Euripdes-"Medea" zur tödlichen Soap umgeschrieben, der Caroline Peters einen triumphalen Publikumserfolg erspielt hat.

Plass bindet seine Version näher ans Original. Gleich zu Beginn starren die vier Mitwirkenden als antiker Chor aus augenlosen Masken ins Publikum. Ihre Tirade transponiert den antiken "O Mensch"-Tonfall in die Gegenwart. Neuer Expressionismus? - Auch. Der Alltagsdialog gerinnt zu den euripideischen Donnerworten, die sonst den Chor der vier Protagonisten prägen. Ihnen fehlt lediglich, einziges Manko des Abends, die letzte Genauigkeit der Deklamation.

Medea endet mit Schrecken und Blut: Michaela Kaspar und Jens Claßen. - © Anna Stöcher
Medea endet mit Schrecken und Blut: Michaela Kaspar und Jens Claßen. - © Anna Stöcher

"Ich, ich, ich, ich!" setzt Plass im Titel hinzu. Egoisten sind sie alle: Michaela Kaspar als Andrea/Medea beraubt sich mit ihren Scheuklappen der Wut aller Sympathien. Julian Loidl als Walter: Ein Waschlappen-Jason, wie ihn jämmerlicher nicht einmal Grillparzer zeigt. Jens Claßen als Peter/Kreon nützt sein Bürgermeisteramt für alle Spiele, die ihm Sex und Macht garantieren. Im geheimen Mittelpunkt steht Lisa Schrammel als Elisa/Glauke: Sie ist die große Manipulatorin, wandelt sich von der begehrenden Tigerin zum doof-naiven Blaustrumpf und zurück, um ihre Interessen durchzusetzen.

Auf der Bühne (Ausstattung: Alexandra Burgstaller) vier Fauteuils, immer neu arrangiert: Die Wohnwelt - ein Schlachtfeld. Zurück bleiben zerstörte Leben. Die Wucht des Abends knüppelt nieder. Der Beifall - eine mühsam herbeiapplaudierte Katharsis?