Nur neun Seiten umfasst Heiner Müllers "Die Hamletmaschine". Es ist einer der kürzesten und rätselhaftesten Texte des modernen Dramas. Die Tragödie des Dänenprinzen war für Müller nur loser Ausgangspunkt, einige Shakespeare-Figuren irrlichtern wohl noch durch die albtraumhafte Szenerie, im Grunde ist das 1977 entstandene Stück aber eine furiose Anklageschrift, die mit der Rolle des Intellektuellen in der Welt hadert.

Wer "Die Hamletmaschine" auf die Bühne bringt, tut dies meist mit einer gewissen politischen Absicht. Das Paradebeispiel lieferte Heiner Müller selbst. Der Schriftsteller inszenierte 1990 eine Doppelaufführung von "Hamlet/Hamletmaschine" im Berliner Deutschen Theater, das achtstündige Anti-Theater mit Ulrich Mühe in der Titelrolle wurde damals als Requiem auf die untergehende DDR verstanden.

Was treibt Oliver Frljić an, der das Stück nun in der Burg-Nebenspielstätte Kasino am Schwarzenbergplatz inszeniert? "Das Referenzsystem aus der Entstehungszeit ist abhandengekommen. Wozu sollte ich die Zuschauer an die überkommene Trennung von Ost und West erinnern", sagt der Regisseur im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Wir befragen vielmehr die Gegenwart, das Europa des Jahres 2020: Welche Identitätskämpfe haben wir gegenwärtig auszufechten? Wie leben wir unter dem Diktat eines scheinbar toleranten neoliberalen Kapitalismus?" Premiere ist am Freitag, 17. Jänner.

Oliver Frlji. - © Lukas Beck
Oliver Frlji. - © Lukas Beck

Oliver Frljić, 43, gehört zu jener Riege an bedeutenden Regisseuren, die Burg-Intendant Martin Kušej in seiner ersten Spielzeit in Wien vorstellt. Bisher waren Frljićs Arbeiten nur im Rahmen von Gastspielen der Wiener Festwochen (zuletzt: "Unsere Gewalt und eure Gewalt") zu sehen.

Der aus Bosnien stammende Theatermacher inszeniert europaweit und sorgt mit kompromisslosem Polittheater für Aufsehen. In seiner Inszenierung "Der Fluch" griff er 2017 in Warschau etwa die katholische Kirche an. Nun wird ihm in Polen deswegen der Prozess gemacht. Demnächst, so Frljić, komme es zur ersten Verhandlung, bei einer Verurteilung droht ihm eine Haftstrafe. Ermutigt oder entmutigt es ihn, wenn seine Theaterarbeit so hohe Wellen schlägt? "Einerseits bin ich wirklich besorgt um die Freiheit der Kunst und der freien Meinungsäußerung", sagt Frljić, "andererseits beweist es, dass ein so altgedientes Medium wie das Theater tatsächlich etwas in der realen Welt zu bewirken vermag und die Zentren der Macht provoziert."

"Prozession von Katastrophen"

Bei der Wiener Inszenierung von "Die Hamletmaschine" arbeitet Frljić mit einem interkulturellen Ensemble, bringt Akteure aus Berlin und Budapest, aus der Ukraine und Luxenburg zusammen. In der Titelrolle ist Marcel Heuperman zu sehen. Der 25-jährige Schauspieler hat bereits mit 13 Jahren an Frank Castorfs Berliner Volksbühne debütiert und sich seitdem einen Ruf als Extremdarsteller erarbeitet. Ergänzend zur Theaterpremiere kuratiert Frljić gemeinsam mit dem kroatischen Philosophen Srećko Horvat ein interdisziplinäres Format mit dem Titel "Europamaschine".

Heiner Müller spricht in "Die Hamletmaschine" von den "Ruinen Europas", wie geht das mit dem Projekt "Europamaschine" zusammen? "Ach, Europa war doch von Beginn an ruiniert. Seine Geschichte gleicht einer Prozession von Katastrophen", sagt Frljić und abschließend: "Mit "Europamaschine" führen wir in gewisser Weise weiter, was wir mit "Hamletmaschine" anzetteln. Wir stellen die Kardinalfrage nach der Identität Europas. Wir werden darauf nicht eine, sondern mit unseren Gästen viele Antworten geben."

Die Hamletmaschine

Kasino am Schwarzenbergplatz

Premiere: Fr. 17. Jän, 20 Uhr