"Kannst du mir sagen, was das ist, ein Mensch?", fragt die Bühnenfigur Ferdinand Krutzler - und hat gleich die Antwort parat: "Vermutlich ist etwas ein Mensch, wenn man es behandelt wie einen Menschen." Eine solche Behandlung ist Krutzler kaum je widerfahren; er selbst versteht sich auf diese Tugend auch ganz und gar nicht. Der Kriminelle ist die Hauptfigur in David Schalkos Roman "Schwere Knochen", der nun im Volkstheater-Ausweichquartier der Halle E im Museumsquartier uraufgeführt wurde.

Krutzlers Aufstieg vom Wiener Vorstadt-Strizzi zum Schwerverbrecher, der sich im Wien der Nachkriegsjahre mit seiner Bande zum König der Unterwelt hochmordet, hurt und stiehlt, wird im Roman auf knapp 600 Seiten ausgeführt. Dieses ungestüme Leben in schrecklichen Zeiten in den engen Rahmen eines Theaterabends zu zwängen, ist ein ambitioniertes Unternehmen.

Gaunerparadies

Die Bühne in der weitläufigen Halle E ist in Ivan Bazaks Ausstattung nahezu leer geräumt; zu Beginn ist ein Vorhang aus eisernen Ketten zu sehen, später genügen wenige Versatzstücke, um die wechselnden Zeitläufe zu symbolisieren.

Der erste Auftritt gehört Thomas Frank. Er verkörpert den Ganovenkönig Krutzler, und man sieht ihm gern dabei zu, wie er sich die schwierige Rolle, die ihn ganz ins Zentrum rückt, ihn aber zugleich fast sprachlos lässt, zu eigen machte. Frank agiert geradezu stoisch, wechselt aber in Sekundenschnelle in den Gewaltmodus. Den ersten Mord begeht er mit zwölf - der Vater, ein Säufer und Schläger, muss daran glauben. Noch als Schüler formiert Krutzler in Wien-Erdberg seine schlagkräftige Trickbetrüger-Truppe: Da ist Franz Wessely, "Der Bleiche", von Peter Fasching als haltloser Haudegen dargestellt; der Fleischer Hans Praschak, von Sebastian Pass mit schneidender Grausamkeit verkörpert; schließlich Karl "Zauberer" Sikora, dem der Schauspieler Lukas Watzl viel Eleganz und Esprit verleiht.

Autor Schalko, als Entwickler von Fernsehformaten ("Willkommen Österreich") und -serien ("Braunschlag") bekannt, hat für das 2018 erschienene Verbrecher-Epos über zehn Jahre lang recherchiert. Die Protagonisten sind an "Legenden" der historischen Wiener Unterwelt angelehnt; die Hauptfigur trägt Züge von Josef Krista, der bis in die 1960er-Jahre das Wiener Rotlichtmilieu aufmischte. Die Tatsache, dass Kriminelle in Konzentrationslagern als Kapos eingesetzt wurden, ist ebenfalls historisch verbürgt. Schalko wirft auf diese Zeit einen ungewohnt ambivalenten Blick; er verurteilt die Ganoven nicht von vornherein, sondern porträtiert sie als äußerst widersprüchliche Figuren in existenziellen Zwangslagen. An diesem Punkt der szenischen Umsetzung gelingen Regisseur Alexander Charim auch die besten Momente: Statt der SS-Uniform tragen die KZ-Aufseher Clownkostüme, Kapo-Krutzler bekommt das Gesicht blutrot angemalt. Kleiner Kniff, große Wirkung: Brutale KZ-Szenen, die auf der Bühne in der Regel leicht danebengehen, erhalten so eine ganz eigene Prägnanz. Sieben Jahre verbringt das Gaunertrio in den KZs von Dachau und Mauthausen, eine Schule der Grausamkeit: Kleinkriminelle werden zu Schwerverbrecher geformt.

Das Nachkriegs-Wien, in dem Schmuggel, Glücksspiel und Prostitution blühen, wird für Krutzler und seine Truppe bald zur goldenen Ära werden. Nicht lange, und sie beherrschen die Wiener Unterwelt. Im Roman spannt der Autor einen Bogen von den 1930er- bis zu den 1960er-Jahren, als die Wiener Falotten von Balkan-Gangstern aus ihrem Gaunerparadies vertrieben wurden. Kolportage und Groteske sind die bevorzugten Stilmittel des Sittengemäldes. Das Buch bekommt die ausufernde Geschichte durch seinen markanten Erzählton, bei dem die indirekte Rede dominiert, in den Griff. In der Halle E gelingt das weniger gut. Die Bühnenfassung fräst sich pragmatisch durch die vielfältigen Handlungsstränge, nach der Pause verliert der dreistündige Abend aber zunehmend an Kontur, zerfällt in ein makabres Panoptikum. Willkommen Kahlschlag.