Es beginnt schon, bevor es beginnt. Schauspieler Johannes Zirner schleicht sich im Foyer an gerade eingetroffene Zuschauer und warnt vor, dass man in dieser Aufführung jemanden aus dem Publikum brauchen werde, der auf der Bühne einen Traum erzählt. Selbst wenn man sich das auf gar keinen Fall vorstellen kann, wird ein Denkprozess in Gang gesetzt: Was war noch einmal der letzte Traum, an den man sich überhaupt erinnern kann?

Auf der Bühne steht ein Diwan, um nicht zu sagen die berühmteste Couch der Welt. Man erkennt sie am übergeworfenen Orientteppich - es ist Sigmund Freuds Couch. Vier Schauspieler - neben Zirner Alexandra Henkel, Philipp Hauß und Tim Werths - losen, wer seinen Traum erzählen darf und sich auf das Canapé legen darf. Henkel gewinnt und erzählt einen Traum, in dem sie nackt auf der Bühne steht - was sie dann auch wirklich macht. Gleichzeitig sagt sie: "Gottseidank musste ich noch nie nackt auf der Bühne stehen." Dann verkleidet sie sich als Sigmund Freud - mit Hut, Bart, Brille und Zigarre. Nun braucht sie ein Analyse-Objekt - das soll aus dem Publikum kommen. Eine Frau namens Andrea meldet sich, und welcher Grad von Spontaneität da dahinter steckt, darf das ganze Stück über Gegenstand von Spekulation bleiben. Denn Andrea oder auch "die Träumerin" wird nicht nur auf dem altbekannten Ottoman einen Traum, in dem (zumindest an diesem Abend?) Rockmusiker Alice Cooper auftritt, erzählen, sie wird auch in die Rolle von Sigmund Freud schlüpfen (müssen?) und bis zum Schlussapplaus Teil des Ensembles sein.

Freuds epochemachende "Traumdeutung" gehört sicher zu den einflussreichsten Werken des frühen 20. Jahrhunderts. Das britisch-irische Regieduo Dead Centre, bestehend aus Ben Kidd und Bush Moukarzel, hat für das Akademietheater eine Bühnenfassung davon erarbeitet. Es ist nicht das erste Mal, dass sie Zuseher mitarbeiten lassen. In einer "Platonov"-Variation haben sie diesen "Trick" auch angewandt.

Das Leihpersonal aus dem Publikum muss sich in einer Löwingerbühnen-ähnlichen Szene als Freud mit dessen Freunden, darunter Josef Breuer, herumschlagen, die sich nach reichlichem Kokaingenuss über Indiskretionen über sie selbst ereifern, die sie aus der "Traumdeutung" herauslesen. Jeder von ihnen landet schließlich, ob er will oder nicht, auf der Couch. Freuds Frau Martha wiederum legt ihrem Mann nahe, endlich keinen Sex mehr mit ihr zu haben - ein symbolischer Fingerzeig darauf, dass Freud mitunter die Fixierung auf die Sexualität in seinen Studien vorgehalten wurde und wird.

Albern à la Monty Python

Nach diesem historischen Exkurs eskaliert der Abend in einen wilden Traumritt, der mithilfe von Green-Screen-Illusionen in Freuds Kindheit führt, wo er sich für seinen Vater geniert, zu einer Computertomographie, die REM-Gehirnaktivitäten zeigt, und immer wieder in den Traum der Publikumsträumerin sowie schließlich in Monty-Python-hafter Albernheit auch in die Alpen, wo sich Freud als Hannibal träumt. Am Ende landet man, wo die Psychoanalyse irgendwie immer landet: in einem Kinderzimmer.

Momente des Stücks hätten das Zeug dazu, das weite Land des Träumens wirkungsvoll theatralisch umzusetzen. Projektionen von willkürlich aneinandergereihten Orten, Sprünge in der Logik, wenn Videobild und "Bühnenbild" plötzlich auseinanderdriften, verschwommene Identitätsumrisse, bizarre Komik - all das kennt man aus eigenen REM-Phasen. Auch das Traumwandlerische der zur Akteurin beförderten Zuschauerin - eine von uns - gemahnt an typische Traumsituationen, in denen man sich selbst zusieht. Leider bleibt der Abend an der Oberfläche, erschöpft sich, zugegeben unterhaltsam und mit Witz, in Überraschungs- und Illusionseffekten. Es ist aber zu wenig, wenn als Erkenntnis nur bleibt: Was für ein Albtraum, wenn man sich als "Träumerin" freiwillig gemeldet hätte.