Heiner Müllers Stück "Die Hamletmaschine" gehört zu jenem Dramenkosmos, der als "postdramatisch" beschrieben wird: Diese Bühnentexte bieten keine Rollen im klassischen Sinn, die Arbeit der Schauspieler geht daher eher in performative Richtung, auch gibt es keine nacherzählbare Handlung, der Text erzeugt keinerlei Sinn, vielmehr dekonstruiert er absichtsvoll Bedeutung.

Mittlerweile sind Theatergeher mit dieser Form der zeitgenössischen Dramatik etwas vertrauter, aber 1977, als Heiner Müller "Die Hamletmaschine" schrieb, war das eine Ungeheuerlichkeit. Zudem wob der Autor zahlreiche Aufrufe zur Rebellion in das Stück, fütterte "Die Hamletmaschine" mit Kulturkritik, sprach über "Die Narben der Konsumschlacht" und führt den "Heil Coca Cola"-Gruß ein. Im Westen begründete das nur neun Seiten lange Stück damals Heiner Müllers Ruhm, in der DDR wurde es postwendend verboten.

"Fick dich Österreich"

Der bosnische Regisseur Oliver Frjlić, bekannt für sein Extremtheater, hat nun "Die Hamletmaschine" in der Burg-Nebenspielstätte Kasino am Schwarzenbergplatz herausgebracht.

Der 43-Jährige hat die Lektionen des postdramatischen Inszenierens intus und bringt sie routiniert zum Einsatz: Da wäre einmal das Prinzip Bluse auf, Hose runter, die Nacktheit wird bei Frjlić noch durch simulierte sexuelle Handlungen getoppt: Marcel Heuperman macht sich in einer Szene ziemlich grundlos über ein lebensecht wirkendes Plastikschwein her, auch warum sich Annamária Láng mit einem Küchenmesser selbst befriedigt, ist nicht ganz nachvollziehbar, aber effektvoll: Es fließt Theaterblut.

Schließlich: Darbietungen, die in ihrer Unmittelbarkeit an die Schmerzgrenze gehen. In einer Szene verzehren die Akteure etwa das Porträtfoto eines Politikers. Man merkt ihnen die Anstrengung an, die es kostet, ein A4-formatiges Bild in den Mund zu stecken und auch noch zu schlucken. Extremdarsteller Heuperman geht einen Schritt weiter und stopft sich das Abbild vor aller Augen in den Anus.

In der Auseinandersetzung mit dem Text arbeitet Frjlić mit Wiederholungen, auch das ein Fixpunkt der postdramatischen Mise-en-scène, bei Heiner Müllers grandiosem Text ist Repetition kein Fehler. Ergänzend werden Zitate aus Politikerreden präsentiert, markige Phrasen etwa von Viktor Orbán und Wladimir Putin. Ein paar Mal wird lauthals "Fick dich Österreich" ins Mikro gebrüllt, das Premierenpublikum zeigt sich davon völlig ungerührt, auch dass die rot-weiß-rote Fahne als Taschentuch verwendet und mit blutroter Farbe beschmiert wird, regt niemanden auf. Polit-Provokation Adé!

Als Draufgabe liefern die Schauspieler eigene, in den Proben erarbeitete Texte, die um sie selbst kreisen. Das besondere an diesem fünfköpfigen Ensemble: Es vereint Akteure aus Berlin, Budapest, der Ukraine und Luxemburg. Die Bühne ist bis auf zwei imperiale Bühnentore samt Plüschvorhang und einem Rednerpodest leer geräumt, die alltagstauglichen Kostüme sind in Schwarz-Weiß gehalten, musikalisch tourt die Aufführung durch das europäische Liedgut.

75 Minuten lang geht es hoch her auf der Bühne, Profi Frjlić beherrscht Rhythmus und Timing, eines allerdings fehlt in dieser turbulenten Szenenabfolge: Sie regt nicht zum Nachdenken an, der Bilderreigen verpufft ohne Nachwirkung.