Das gut situierte Ehepaar Alice und Patrick fällt aus allen Wolken. Der zu Toleranz und Humanität erzogene 16-jährige Sohn Joe hat islamfeindliche Graffitis an die Wände einer Moschee geschmiert. So beginnt das 2013 uraufgeführte Drama "Zorn" der australischen Autorin Joanna Murray-Smith, das in Österreich erstmals 2015 in Salzburg zu sehen war und nun in der Freien Bühne Wieden seine Wiener Erstaufführung erlebte.

Martin Muliar (l.) und Georg Müller-Angerer. - © Sam Madwar
Martin Muliar (l.) und Georg Müller-Angerer. - © Sam Madwar

Die zeitweise auch den Zuschauerraum einbeziehende Inszenierung von Klaus Haberl (Regie und Raum) auf einer sparsamst ausgestatteten Bühne - nur eine rote Sitzbank und zwei Sessel - beginnt mit einer Videoeinspielung von leider akustisch fragwürdiger Qualität. Was die spannende Ausgangslage verspricht, kann das mehr plakative als tiefgründige Stück als eine sehr konstruiert wirkende Mischung von Polit- und Familiendrama in den etwa siebzig Minuten reiner Spielzeit nicht halten. Zu seinen Stärken zählen einige treffliche Stellen im Text, darunter auch im Programmheft zitierte Sätze über Image ("Die Welt wird vom Image regiert, von den Vereinten Nationen bis zur Shampoo-Reklame") und Angst ("Angst ist die Wurzel von allem").

Die Qualität der Darstellung übertrifft jene des Dramas. Georg Müller-Angerer (Joe) liefert eine Talentprobe. Michaela Ehrenstein (Alice) und Rainer Doppler (Patrick) werden von besorgten Eltern zu einander verletzenden Eheleuten. Martin Muliar (Lehrer) versprüht gekonnt Lebensweisheiten. Eva Christina Binder (Annie) und Michael Bergwein (Bob) bewähren sich als Eltern von Joes Mittäter, Anna Sophie Krenn (Rebecca) als Interviewerin.