Natürlich ist Text das grundfalsche Medium, um die Art zu beschreiben, wie Robert Wilson Händels "Messias" umsetzt. Eine Bildgeschichte würde eher einen Eindruck vermitteln. Freilich: Geschichte will Wilson dezidiert keine erzählen. Also Bilder allein. Das ist’s wohl, und nicht viel mehr. Bilder, auf Wilson’sche Art ruhig arrangiert und doch in diesem Fall eigenartig in Slowmotion hyperventilierend. In einem kargen Programmheft-Statement betont er: "Religion hat keinen Platz im Theater, Religion gehört in die Kirche." Für ihn sei Händels "Messias", der in Mozarts Fassung für die Wiener Erstaufführung 1789 erklingt, "eine Art spirituelle Reise".

Richard Croft und Wiebke Lehmkuhl in Robert Wilsons "Messias"-Inszenierung. - © Lucie Jansch
Richard Croft und Wiebke Lehmkuhl in Robert Wilsons "Messias"-Inszenierung. - © Lucie Jansch

So auf Reisen geschickt und beraubt aller christlichen Symbole, findet man sich also vor einem Guckkasten-Würfel, dessen Kanten mit Neonröhren akzentuiert sind. Wundersam fein abgetöntes, oszillierendes Licht an den Wänden macht Stimmung. Die Beleuchter der Salzburger Festspiele (die diese Produktion im Sommer übernehmen werden) haben feinsinnigste Perfektion geliefert. Oft tragen die Sänger Zweige vor sich her, und nicht nur das gibt dem Geschehen einen ur-mythischen Anstrich.

Schreckfigur ohne Schrecken

"Tröstet Zion" - da schweben Baumstämme wie Damoklesschwerter herunter, vielleicht Sinnbilder für Bedrohungen aller Art? "Doch wer mag ertragen" - da bleibt der Basssolist (José Coca Loza) in archaisierendem ägyptischen Outfit nicht allein auf der Bühne. Ein Mädchen im altmodischen Kleidchen ist da. Es hält keine Puppe im Arm, sondern einen blauen Vogel. Ist das wild fuchtelnde Strohmännchen, das wie eine Brauchfigur zwischen Ennstaler Schab und Berchtesgadener Buttenmandl wirkt, eine Schreckfigur? Das Mädchen lässt sich davon jedenfalls nicht beunruhigen und darf sich sogar auf den Rücken der Strohfigur setzen. "Das Volk, das da wandelt im Dunkeln" - das ist einer der Momente, wo sich ein Tänzer (Alexis Fousekis) über die Diagonale der Spielfläche das erste Mal so richtig abarbeiten kann.

Die vier Gesangssolisten stehen für unterschiedliche Temperamente, vielleicht auch für unterschiedliche Seins-Arten. Der Tenor (Richard Croft) ist irgendwas zwischen Dandy und Grand Guignol. Der Sopran (Elena Tsallagova) steht, zumindest anfangs, wohl für die Entität eines Engels. Aber das ist schon wieder ein religiöser Gedanke. Solche lassen einen ja doch nicht los, obwohl Wilson gerade diesem Aspekt abschwört. "Er weidet seine Herde" - da sitzt plötzlich eine kopflose Männerfigurine da, die einen Krebs an der Leine führt. Die Sopransolistin gießt währenddessen in einem strengen Zeremoniell Wasser aus einem Krug in ein Glas und wieder zurück und leert es sich schließlich über die Haare.

Als Zuschauer ist man angehalten, sich durch signalhafte Licht- und Rauchzeichen und starke, aber immer auch ein wenig kunstgewerblich-perfektionistisch arrangiert wirkende Bilder zu hanteln. Dem Erlösungsgedanken im dritten Werkteil entspricht eine Hintergrundprojektion von Eisbergen, die effektvoll explodieren. Plötzlich steht ein Astronaut mitten im Chor und dreht wüste Pirouetten. Der alte Mann mit Rauschebart, der am Stock im Hintergrund humpelt? Gottvater himself wird’s wohl nicht sein, aber kreativer Exegese sind hier keine Schranken gesetzt.

Elastisch und tänzerisch

All das Optische steht absolut nie der Musik entgegen. Es ist ihr aber auch nur partiell dienlich. Im Orchestergraben werken die Musicien du Louvre unter Marc Minkowski. Die trockene Akustik im Haus für Mozart schärft das Bewusstsein für Mozarts Bearbeitung. Es ist ja nicht so, dass er für die von Gottfried van Swieten initiierte Wiener Aufführung nur Klarinetten eingefügt hätte. Der Dramatik hat Mozart mit manch’ charismatischer Harmonie-Verdichtung zugearbeitet. Minkowski, der sonst immer elastisch und tänzerisch denkende, musikantisch-flotte Barock-Akteur, bremst dann die Tempi, lenkt die Aufmerksamkeit auf eben diese Abweichungen von der Händel-Norm.

Nur 33 Kopf stark ist der von Walter Zeh einstudierte, gediegen artikulierende Philharmonia Chor Wien. Die kleine, flexible Vokalbesetzung macht Fuge um Fuge zum Erlebnis, und macht vergessen, dass gelegentlich durchaus auch dramatisches Gewicht gefragt wäre.

Der stärkere Eindruck geht aber eindeutig von der Musik aus. Der "Messias" scheint sich manchmal subtil zu wehren gegen Wilsons Bühnenumsetzung. Menschensohn geworden zu sein und die Schuld der Welt auf sich genommen zu haben, ist eigentlich schlimm genug.