Die Silvi wird’s schon richten", sagt Bernhard Kleber, "das war so ein Kalauer, davon sind wir tatsächlich immer ausgegangen." Mit Klebers Einvernahme - der Bühnenbildner ist seit 30 Jahren freiberuflich am Burgtheater tätig - begann am Montag der wohl letzte Prozesstag in der Causa Stantejsky.

Silvia Stantejsky litt laut Gerichtsgutachten nicht an einer stark verringerten Einsichtsfähigkeit. - © apa/Herbert Neubauer
Silvia Stantejsky litt laut Gerichtsgutachten nicht an einer stark verringerten Einsichtsfähigkeit. - © apa/Herbert Neubauer

Im Jahr 2013 kippte die Finanzlage der Bühne, zunächst wurde die ehemalige kaufmännische Geschäftsführerin Silvia Stantejsky, bald darauf Intendant Matthias Hartmann entlassen, das Haus blieb auf einem Schuldenberg von 20 Millionen Euro sitzen, der mittlerweile abgetragen ist. Vier Jahre lang hat die Staatsanwaltschaft ermittelt, die Vorwürfe gegen Hartmann und den damaligen Holding-Chef Georg Springer wurden entkräftet, während Stantejsky Bilanzfälschung, Untreue und Veruntreuung vorgeworfen wird. Die Angeklagte legte bereits zu Beginn des Prozesses im vergangenen November ein Teilgeständnis ab. Die Strategie der Verteidigung zielte darauf, Stantejsky als psychisch überlastet darzustellen, von vielen Zeugen wurde sie auch als "Seele des Hauses" beschrieben, jemand, der mit besten Absichten in eine fatale Situation geriet.

Wort steht gegen Wort

Durch Klebers Zeugenaussage gerät Stantejsky jedenfalls erneut in Bedrängnis: Angeblich hat der Bühnenbildner noch ein offenes Honorar von 13.200 Euro. Stantejsky sagt nun, sie habe ihm einen weitaus höheren Betrag in bar überreicht, eine Unterschrift bestätigt dies auch. Kleber hingegen bestreitet, überhaupt jemals Bargeld erhalten zu haben, zudem sei er an dem angeführten Datum gar nicht in Wien gewesen. Wort steht gegen Wort. Plötzlich ist der Verdacht der Unterschriftfälschung im Raum.

Nächster Tagesordnungspunkt: Das Gutachten des Sachverständigen Peter Wundsam, das die Anklage der absichtlichen und systematischen Bilanzfälschung in Millionenhöhe erhärtet. Wundsam erläutert dies vor allem anhand des Anlagevermögens und der strittigen Frage der Skartierung von Produktionen. Wenn Aufführungen nicht mehr gespielt werden, wird üblicherweise das Bühnenbild vernichtet, während Kostüme und Requisiten in den Fundus wandern, in der Bilanz sollten abgespielte Inszenierungen nicht mehr aktiviert sein, sondern nur mit einem Betrag von null aufscheinen. Silvia Stantejsky aktivierte hingegen solche Aufführungen im Anlagevermögen. Der buchhalterische Effekt: Der Jahresabschluss ist zunächst einmal geschönt, in den Folgejahren verschlechtern sich aber die Werte, weil irgendwann dann doch abgeschrieben werden muss. Im gesamten Zeitraum entsprechen die verbuchten Zahlen nicht ganz der Realität. Vor allem in der Bilanz 2010, als zu Beginn der Direktion Hartmann Inszenierungen der Vorgängerdirektion abgesetzt wurden, Stantejsky diese jedoch als Aktivposten in der Anlagenbilanz behielt, kam es zu massiven Verfälschungen. Gutachter Wundsam errechnete für 2010 etwa eine Abweichung von rund 1,5 Millionen Euro. Hochgerechnet auf die Bilanzsumme ergeben sich in den Jahren 2009 bis 2013, Stantejskys Amtszeit als Geschäftsführerin, Differenzen aufgrund einer frisierten Bilanz von bis zu zehn Prozent. Ein strafrechtlich relevantes Ausmaß.

Zurechnungsfähig eingestuft

Die Verteidigung zweifelt natürlich die Höhe der Summen an, hinterfragt Wundsams Berechnungen. Wundsam korrigiert daraufhin sein Ergebnis und kommt auf Fehlleistung von bis zu acht Prozent. Auch plädiert die Verteidigung dafür, dass Stantejsky vielleicht doch Gründe gehabt haben könnte, um Aufführungen noch aktiv zu halten. Tatsächlich lässt sich diese Frage nicht restlos klären. Für Wundsam sind daher gerade die Skartierungen ein ideales Verschleierungsmedium, weil die Handhabung für Außenstehende nicht leicht zu durchblicken ist.

Folgt man dem psychiatrischen Gutachten des Sachverständigen Kurt Meszaros, war Silvia Stantejsky im inkriminierten Tatzeitraum jedenfalls zurechnungsfähig. Meszaros billigte der Angeklagten ein Burn-out-Syndrom zu, das sich "schleichend langsam" entwickelt habe. Dies habe aber keine entscheidende Auswirkung auf ihre Schuldfähigkeit gehabt.

Stantejsky habe zwar psychiatrische Behandlung in Anspruch genommen, sich ab dem Jahr 2011 auch medikamentös behandeln lassen. Ungeachtet dessen habe die Symptomatik aber nicht nachhaltig ihre Steuerungs- und Einsichtsfähigkeit getrübt. "Die war nie so herabgesetzt, dass die Dispositions- und Diskretionsfähigkeit aufgehoben war", erklärte Meszaros.