William Shakespeare war einer jener Ideengeber, von denen Giuseppe Verdi fortwährend lernte. Noch heute stehen in der Villa Sant’Agata zwei völlig zerlesene italienische Gesamtausgaben des englischen Dramatikers. Der Verleger Giulio Ricordi hatte einst die Zusammenarbeit von Verdi mit dem knapp 30 Jahre jüngeren Librettisten Arrigo Boito forciert. Beide einte die Zuneigung zum Meister aus Stratford-upon-Avon. Der gemeinsame "Otello" ist seit der Uraufführung 1887 in Mailand ein Dauerbrenner auf den Opernbühnen.

Edle Töne, bleierne Schwere

Die Wiener Staatsoper präsentierte Ende der vorigen Spielzeit eine Neuinszenierung, die bereits bei der fünften Vorstellung am Dienstag wirkte, als wäre sie seit Jahrzehnten im Repertoire: zweckdienlich, aber von vorn bis hinten behäbig. Ein Umstand, der hervorragende Gesangsdarbietungen fast überlagert. Schließlich wird es derzeit kaum eine noblere, edlere Desdemona als die der Krassimira Stoyanova geben. Mit bravouröser Stimmführung berührte die Sopranistin im Lied von der Weide und beim Ave Maria. Großartig gelang auch Carlos Álvarez die Verkörperung des bösen Jago. Stephen Gould wirkte anfänglich eine Spur angestrengt, sang sich aber zunehmend frei und beeindruckte mit Durchschlagskraft; stimmschön der Cassio von Jinxu Xiahou. Im Graben führte Jonathan Darlington mit sicherer Hand das gut disponierte Orchester. Die bleierne Schwere, in die Regisseur Adrian Noble diese an sich so aufwühlende Oper getunkt hat, wollte sich aber bis zum Schluss nicht abschütteln lassen.