Die Geschichte des Theaters an der Wien ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Nein - hier ist nicht Mozarts "Zauberflöte" aus der Taufe gehoben worden. Dafür sind hier die ersten beiden Fassungen von Beethovens Schmerzenskind, dem "Fidelio", vom Stapel gelaufen. Ein Irrglaube übrigens, eine dieser Premieren hätte "Leonore" geheißen. Das wäre zwar Beethovens Wunsch und Wille gewesen. Da aber schon eine Oper dieses Titels vorlag, musste sich der mürrische Maestro mit "Fidelio" bescheiden, schon in den Jahren 1805 und ’06.

Zwei Lebensjahre hat der Tonkunst-Titan im Umfeld dieser Bühne gehaust und sie bespielt - ein Naheverhältnis, das zu Beethovens 250. Geburtstag nach einer Würdigung schreit. Und so ruft Intendant Roland Geyer jetzt das "Beethoven-Fest" aus: Es fährt zu Ehren des griesgrämigen Granden von 15. Februar bis 9. Mai mit sieben Produktionen auf, darunter Opern, Konzerte und eine Ausstellung. Die Hauptattraktion ist längst in aller Munde: Der in Wien geborene Hollywood-Schauspieler Christoph Waltz wird die Zweitfassung des "Fidelio" inszenieren, Manfred Honeck dirigiert diese Premiere am 16. März.

"Geschenk auf Silbertablett"

Das Haus beweist aber auch anders Wagemut: Zu Ehren des grollenden Großmeisters erblicken zwei Novitäten das Bühnenlicht. Den Anfang macht Christians Josts Oper "Egmont" im Theater an der Wien (17. Februar), gefolgt von Tscho Theissings "Genia" in der Dependance an der Wiener Kammeroper - zwei Werke von unterschiedlicher Stoßrichtung: Liefert "Genia" einen tragikomischen Beitrag zum Beethovenjahr, ist der "Egmont" auf einen ernsten Tonfall eingeschworen und steht in einer hehren Tradition. Bildungsbürger wissen: Beethoven hat das gleichnamige Goethe-Drama 1810 mit einer Schauspielmusik versehen. Was vielen dagegen wohl neu ist: Eine Opernfassung von Goethes "Egmont" gab es bisher nicht. Jedenfalls hat Roland Geyer erfolglos die Archive danach durchwühlt, bevor er Jost einen entsprechenden Kompositionsauftrag erteilte. Für den 56-jährigen Deutschen war diese Leerstelle so überraschend wie erfreulich: "Das war wie ein Geschenk auf dem Silbertablett, ein Moment der Glückseligkeit." Wobei Jost aber auch Gründe dafür findet, warum sich bisher niemand zu der Pioniertat erkühnt hat: "Goethe war kein Dramatiker", urteilt er über das lange Stück, in dem sich der freiheitsliebende Egmont und der Machtpragmatiker Alba als Antipoden in den besetzten Niederlanden des 16. Jahrhunderts gegenüberstehen.

Für das Libretto hat der Autor Christoph Klimke die Vorlage auf 15 Szenen eingestutzt, das Personal auf sechs Rollen und den Text überhaupt neu geschrieben. Nur 95 Minuten wird dieser "Egmont" dauern und musikalisch "durchrauschen", zeigt sich Jost überzeugt. Er setzt in seiner neunten Oper auf drängende Töne und auch mikrotonale Intervalle, die der Arnold Schönberg Chor in den Proben bereits "sensationell" bewältige. Dieser "Egmont" (Regie: Keith Warner) solle aber nicht nur modern klingen: Er werde Stellung beziehen in einer Zeit des politischen Populismus und den "Finger in die Wunde legen".

Bis die Drähte rauchen

Heiterer geht’s in "Genia" (Text: Kristine Tornquist) zu: Hier zanken Beethoven und Metronom-Erfinder Johann Nepomuk Mälzel über die Frage, wer die Menschheit in die glorreichere Zukunft führt - die Kunst oder die Technik. Eine bedeutende Rolle spielt dabei eine gewisse Elise. In die verliebt sich Beethoven bald unsterblich, nicht zuletzt, weil sie einen Musikautomaten erfindet. Der ist so hübsch wie Offenbachs Olympia-Roboter und so hellsichtig, dass er in die Zukunft der Tonkunst schauen kann - woraufhin Beethoven die Drähte nur so rauchen lässt. Wohin das führt? Ab 5. März in der Kammeroper zur Musik von Tscho Theissing zu sehen.