Unter all seinen geistigen Kindern, seufzte Beethoven angeblich kurz vor seinem Tod, habe ihm der "Fidelio" "die meisten Geburtsschmerzen gemacht". Der Jammer wirkt nicht frei erfunden: Der sonst so souveräne Tonsetzer hat über eine Zeit von neun Jahren immer wieder an seinem einzigen Musiktheater herumgedoktert. Erst die dritte Fassung bescherte den heiß begehrten Erfolg im Opernfach - der Königsdisziplin des Musikbetriebs.

Diese Entwicklungsarbeit lässt sich im Wiener Beethovenjahr unter Ausnahmebedingungen nachvollziehen, denn die Stadt erweckt alle drei Versionen zum Leben. Während das Theater an der Wien im März die Zweitfassung (1806) zur Diskussion stellt, spielt die Staatsoper nicht nur den populären "Fidelio" (1814) im Repertoire, sondern wuchtet auch die Erstfassung (1805) auf die Bühne: Dirigent Tomáš Netopil und Regisseurin Amélie Niermeyer verantworten am Samstag die Premiere.

Zarte Passagen

Leitet seine zweite Premiere am Haus: Netopil. - © Elisa Haberer
Leitet seine zweite Premiere am Haus: Netopil. - © Elisa Haberer

Freilich - ist die Urfassung den Aufwand wert? Netopil, 44, ist im Gespräch jedenfalls Feuer und Flamme. "Es ist eine wunderschöne Chance", sagt der Tscheche, der hier 2018 schon die "Freischütz"-Premiere geleitet hat und am Aalto Theater in Essen (Nordrhein-Westfalen) als Generalmusikdirektor wirkt. Der "Ur-Fidelio" befeuert seine Entdeckerlust: "Beethovens Musiksprache ist hier stark und vielfältig; vieles davon taucht in der Endfassung nicht mehr auf." Zum Beispiel? "Das erste Terzett von Rocco, Marzelline und Jaquino. Oder das Duett von Marzelline und Leonore: Es ist wunderschön und zerbrechlich im Klang, dazu treten zwei Solo-Streicher aus dem Orchester." Auch zwischen den Arien beweise Beethoven, "wie gut er Atmosphäre schaffen kann. Etwa vor dem letzten Duett von Florestan und Leonore. Wir alle kennen diese Nummer in der Art, dass sie, pamm!, einfach losgeht. In der Urfassung stellt ihr Beethoven eine zarte Passage voran, mit intimen Farben der Holzbläser."

Kurzum: Rare Juwelen für einen Dirigenten, der im Normalfall den Mühlen des Opernrepertoires verpflichtet ist. Aber hat Beethoven diese Passagen nicht aus gutem Grund entfernt? Stimmt zwar - die Uraufführung floppte im Wesentlichen aus politischen Gründen: Französische Truppen waren in Wien einmarschiert und bevölkerten unverhofft die deutschsprachige Premiere. Beethovens Schmerzenskind litt aber nicht nur am Unverständnis der Uniformierten. Die Handlung käme zu langsam in die Gänge, befanden Kritiker; die Heldin Leonore vertändle zu viel Zeit in der Stube des Gefängniswärters, bevor es an die Rettung des schmachtenden Gatten ginge. Netopil will da gar nicht widersprechen: "Die Oper ist ein bisschen zu lange gewesen, mit einer schwachen dramatischen Entwicklung"; die Letztfassung habe den Spannungsfluss verbessert. Dennoch ist ihm manche Entdeckung ans Herz gewachsen: "Wenn ich wieder die dritte ‚Fidelio‘-Fassung dirigieren sollte, würde ich das Duett von Marzelline und Leonore gern dazunehmen", sagt Netopil, der seine Zeit zu gleichen Teilen zwischen Oper und Konzert aufteilt. Heikle Frage: Dirigiert er lieber den "Fidelio" oder ein Konzertstück von Beethoven? Netopil denkt kurz nach, dann versucht er, die diplomatische Mitte zu treffen: "Ich denke, ‚Fidelio‘ könnte dank seiner Musik auch in einer Konzertversion sehr schön sein."