Ulrike Lunacek, 62, erlebt ein überraschendes politisches Comeback: Die langjährige Grünen-Politikerin, EU-Abgeordnete und Spitzenkandidatin bei den Nationalratswahlen 2017 ist in der türkis-grünen Koalition nun Staatssekretärin für Kunst und Kultur.

Die ersten Wochen verliefen turbulent: Von Kunstschaffenden wurde bemängelt, dass sie keine Erfahrung im Kunstbereich hat, nach einer kritischen Äußerung gegenüber Peter Handke und dessen Serbienthematik blies ihr scharfer Wind seitens einiger Künstler entgegen und vom Koalitionspartner wurde sie mit kurzfristigen Neubesetzungen von Aufsichtsratsposten überrascht.

Trotz dieser Kalamitäten ist das Regierungsprogramm für Kunstschaffende so vielversprechend wie noch nie: Erstmals ist ausdrücklich eine Valorisierung der Fördermittel und soziale Absicherung festgeschrieben. Die "Wiener Zeitung" sprach mit Ulrike Lunacek darüber, wie sich das alles umsetzen lässt.

"Wiener Zeitung": Viele Kunstschaffende betrachten es als Abwertung, dass es kein eigenes Kulturministerium gibt, sondern lediglich ein Staatssekretariat. Wie beurteilen Sie die Situation?

Ulrike Lunacek: Seit über 20 Jahren bin ich das erste Regierungsmitglied, das ausschließlich für Kunst und Kultur zuständig ist, für meine Vorgänger war Kunst eine Agenda unter vielen. Ich bin auch die Erste, die tatsächlich ihr Büro in der Kunstsektion bezogen hat. Ich freue mich auf diese Aufgabe, auch wenn es ein Gebiet ist, mit dem ich mich beruflich bisher nicht befasst habe. Ich komme nicht aus den Kulturinstitutionen, aber privat war Kunst und Kultur für mich immer wichtig. Während meiner Zeit in Brüssel habe ich das Wiener Kulturleben regelrecht vermisst.

Man wird Sie also, anders als Ihren Vorgänger Gernot Blümel, regelmäßig auf Premieren sehen?

Ja, auch wenn es nicht unbedingt die Premiere sein muss.

Die ehemalige Kunstuni-Rektorin Eva Blimlinger hat federführend das Regierungsprogramm in Sachen Kunst und Kultur mitgestaltet, sie ist nun Kultursprecherin der Grünen und Vorsitzende des Kulturausschusses im Nationalrat. Sie haben in Interviews betont, dass es eine enge Zusammenarbeit geben werde. Wie darf man sich das konkret vorstellen?

Die Abläufe der institutionellen Zusammenarbeit zwischen Nationalrat und Regierung sind geregelt. Eva Blimlinger und ich kennen einander seit langem, wir haben ein gutes Verhältnis und werden uns bei den Aufgaben, die vor uns liegen, unterstützen.

Im Regierungsprogramm fällt vor allem das Bekenntnis zur Valorisierung auf. Die automatische Inflationsanpassung kommt einer stetigen Erhöhung des Kulturbudgets gleich. Wann rechnen Sie hier mit einer Entscheidung?

Die Budgetverhandlungen haben gerade erst begonnen. Die Valorisierung wurde gemeinsam mit dem Koalitionspartner beschlossen, daher bin ich zuversichtlich, dass wir das auch umsetzen werden. Sicher wird nicht alles auf einmal gehen, aber ich möchte im heurigen Jahr einen ersten Schritt in diese Richtung gehen.

Während Valorisierung vor allem die großen Kultureinrichtungen betrifft, sind prekäre Arbeitsbedingungen und soziale Absicherung drängende Probleme der freien Szene. Auch hier verspricht das Regierungsprogramm vieles, wie soll das umgesetzt werden?

Um Fair Pay umzusetzen, ist es mir wichtig, einen breiten Dialog zu starten und zu versuchen, alle Beteiligten - auch in den Ländern - ins Boot zu holen. Mit den meisten Landeshauptleuten und Kulturreferenten habe ich bereits gesprochen. Wir müssen herausfiltern, wo die neuralgischen Punkte liegen und was wir konkret verändern können, um die Situation zu verbessern.

Das Regierungsprogramm sieht überhaupt vor, die Koordination zwischen Bund, Ländern, Gemeinden zu verändern. Als Beispiel wurde etwa genannt: "Keine Verpflichtung zur Wenn-dann-Förderung". Ein kleiner Satz, der die bisherige Mittelvergabe auf den Kopf stellt. Das käme einem Erdrutsch gleich.

Bei einem Erdrutsch muss man aufpassen, was da alles ins Rutschen gerät. Ich kann und will nichts überstürzen und suche derzeit das Gespräch mit allen Beteiligten, um mir ein Bild zu verschaffen. Es gab viel Kritik daran, dass ich nicht aus den Kulturinstitutionen komme, vielleicht liegt darin aber auch ein Vorteil: Ich gehe unvoreingenommen an die Sache heran.

Es gibt in der Bundesförderung einige gewachsene Ungereimtheiten, so werden etwa Salzburger und Bregenzer Festspiele vom Bund mitgefördert, nicht aber die Wiener Festwochen. Beabsichtigen Sie, solche Strukturen zu bereinigen?

Das muss man sich anschauen. Sollte der Bund Förderungen umschichten, muss das gut geplant sein. Ich will ja nicht, dass eine Institution zusperren muss. Ich möchte gern im Einverständnis mit allen Beteiligten entscheiden, aber nicht alle werden mit meinen Entscheidungen zufrieden sein. Das ist das Wesen von Politik.

Stichwort Museumspolitik: Nach dem Vorbild der Bundestheater-Holding soll nun auch eine Holding für die Bundesmuseen eingerichtet werden. Die Direktoren sind mäßig begeistert, auch eine Holding-Konstruktion ist nicht vor Fehlern gefeit, siehe den Finanzskandal an der Burg. Was erhoffen Sie sich dennoch von dieser Konstruktion?

Es geht überhaupt nicht um die Abschaffung der Autonomie oder Eingriffe in das künstlerische Programm, aber wir wollen dadurch wirtschaftliche Synergien nutzen und mehr Einheitlichkeit erzielen etwa bei Gebäudeverwaltung und Kartenverkauf.

Soll es beim Haus der Geschichte zu einem Neubau kommen oder nicht?

Dass die derzeitige räumliche Situation inakzeptabel ist, darüber sind wir uns wohl einig. Aber ich frage mich, ob ein Neubau auf dem denkmalgeschützten Heldenplatz sinnvoll ist. Eine Entscheidung ist für mich noch nicht gefallen.

In der Vergangenheit beschränkte sich die Kulturpolitik vor allem auf Personal- und Budgetpolitik, nun wird im Regierungsprogramm eine Kulturstrategie angekündigt. Gibt es dazu schon erste Überlegungen?

Für die Entwicklung einer Strategie ist es zunächst wichtig, sich Zukunftsfragen zu stellen, Antworten darauf zu suchen und eine Vision zu erarbeiten. Etwa, wie soll die Kunst- und Kulturnation Österreich in zehn, 15 Jahren aussehen? Welche zukunftsweisenden Weichen sollen wir heute stellen? Welche sozialen Standards wollen wir einhalten? Welchen Beitrag leisten Kunst und Kultur für eine ökologische nachhaltige Entwicklung? Welche Rolle spielen dabei Digitalisierung und Globalisierung?

Sie waren 2017 Spitzenkandidatin bei der Nationalratswahl, sind nach dem Wahlergebnis, bei dem die Grünen erstmals nicht mehr im Parlament vertreten waren, zurückgetreten. Heute sind Sie Mitglied einer türkis-grünen Regierung. Was sagen Sie zu diesen Wechselfällen?

Ich habe schon öfters unerwartete Veränderungen erlebt, das ist wohl Teil meines Lebens! In den vergangenen beiden Jahren hatte ich weniger Stress, dafür mehr Zeit für mich und andere Projekte, das konnte ich schon genießen. Dass ich in dieser Regierung mitwirken könnte, war von Anfang an eine Option, allerdings im Bereich EU oder Außenpolitik, hier habe ich auch am Regierungsprogramm mitgewirkt. Als Werner Kogler mir am Silvesterabend die Kultur angeboten hat, war ich zunächst überrascht. Aber ich habe immer schon gern Herausforderungen angenommen.