Sechs Minuten, die ein Land erschütterten: Am 17. Mai 2019, Punkt 18 Uhr, wurde ein Video veröffentlicht, das einen beispiellosen politischen Skandal auslöste, inklusive Regierungsauflösung und Neuwahlen. Das Bühnenstück "Schwarzwasser", das nun im Akademietheater erstaufgeführt wurde, ist Elfriede Jelineks Kommentar zur Ibiza-Affäre. Es hätte ein Coup in Martin Kušejs erster Spielzeit als Burgtheater-Intendant werden können.

Seit 2013, damals brachte Matthias Hartmann "Schatten (Eurydike sagt)" heraus, gab es in Wien keine Jelinek-Uraufführung mehr. Außerdem hat sich die Nobelpreisträgerin lange nicht mehr am Theater zur österreichischen Innenpolitik geäußert, zuletzt 1996 in "Stecken, Stab und Stangl", ihrer bestechenden Auseinandersetzung mit den Roma-Morden in Oberwart. Nun also "Schwarzwasser". "Es hat mich gepackt: Da spricht einer die Wahrheit, die aber zum öffentlichen Sprechen nicht vorgesehen ist", schreibt die Autorin im Programmheft über das Ibiza-Video. "Man kann das ja nicht übertreffen, nicht einmal parodieren oder lächerlich machen, obwohl ich das natürlich versuche." Und es gelingt ihr geradezu mustergültig.

Martin Wuttke als Ritter von der traurigen Gestalt mit dem bekannten Kraftmeiergetränk. - © Matthias Horn
Martin Wuttke als Ritter von der traurigen Gestalt mit dem bekannten Kraftmeiergetränk. - © Matthias Horn

Nummernrevue

"Schwarzwasser" ist randvoll mit spitzzüngigen tagespolitischen Anspielungen, weist aber weit über den Jelinektypischen mäandernd-kalauernden Sprachwitz hinaus. Die Autorin verknüpft das Geschehen, das sie als "mickriges Gelage" bezeichnet, mit Motiven aus Euripides’ "Bakchen", hier kommt auch Bundeskanzler Sebastian Kurz als "junger Gott" ins Spiel. Das antike Krisenstück thematisiert, wie öffentliches Leben erodiert und mit roher Gewalt in die Knie gezwungen wird.

Mit den "Bakchen" in Ulrich Rasches Maschinentheateralbtraum eröffnete die Spielzeit, nun liefert Jelinek gewissermaßen das Satyrspiel dazu. "Schwarzwasser" ist freilich mehr als eine luzide Abrechnung mit der heimischen Politszene, es ist ein verzweifelter Ausbruch über den weltweiten Aufstieg der Rechtspopulisten. Die Ibiza-Affäre ist wie ein Brennspiegel für Jelineks Gegenwartsanalyse. "Die Gesellschaft läuft Gefahr, keine Ahnung wohin, Hauptsache, sie läuft", heißt es an einer Stelle im Text.

Regisseur Robert Borgmann, der am Akademietheater bereits Stücke der heimischen Dramatiker Ewald Palmetshofer und Thomas Köck uraufführte, ist Jelineks sprachmächtiger Steilvorlage leider nicht gewachsen. Unter Borgmanns Führung wird aus dem dichten Sprachfluss eine lose Nummernrevue, ein bunter Bilderreigen. Auf seiner Suche nach szenischen Umsetzungen stützt er sich auf bewährte Stilmittel im Umgang mit Jelinek-Texten: Chor und Komik. Tiefe und Schärfe bringt er dabei jedoch kaum auf die Bühne.

Wenn szenische Bilder gelingen, liegt das vor allem an den erstklassigen Theaterkräften Martin Wuttke und Caroline Peters. Zu den Höhepunkten der über dreistündigen Aufführung gehören vor allem die Auftritte der beiden Virtuosen, die so spielen, wie man es von ihnen erwarten durfte, und die sich im Duett zu einem ganz irrwitzigen Jelinek-Ton hochzwirbeln: Wuttke, das Gesicht zur Fratze geschminkt, die an den Bösewicht Joker aus den Batman-Filmen erinnert, hält eine vor Selbstmitleid triefende Rede darüber, dass er durch das im Geheimen aufgenommene Video Opfer einer politischen Intrige wurde; Caroline Peters, pink verpackt wie ein Bonbon, assistiert ihm bei der Suada, zwei Stühle genügen den Hochleistungsspielern für eine grandiose Slapstickminiatur. Gelungen ist auch die Nachbildung des Velázquez-Gemäldes "Las Meninas" als Tableau vivant, aus dem Caroline Peters ausschert und als Infantin mit verzerrter Micky-Maus-Stimme die ärgsten Kalauer zum Besten gibt.

Auch den Sopranistinnen Amalia Takács und Verena Tranker glücken als Biedermeierpaar und Flamencotänzerinnen ein paar überraschende Szenen: Jelineks Texte lassen sich offenbar auch ganz wunderbar vertonen. Christoph Luser und Felix Kammerer flankieren die Szenerie als Jungpolitiker, zu jung, zu schön und nur zu bereit, um für den Erfolg über Leichen zu gehen.

Juxbox

Der siebenköpfige Chor wurde von Leiterin Christine Groß zwar stimmlich in Schwung gebracht, aber das Zusammenspiel theatert und spektakelt viel zu selbstvergnügt vor sich hin - die Bildeinfälle reichen von der Fridays-for-Future-Ikone Greta Thunberg bis zu Blondinen in pinkfarbenen Latexminis. Hola, Ballermann-Urlaub. Eine kühnere Vision kommt nur kurz vor der Pause in Sicht, als Borgmann Jelineks scharfsichtigen Text mit Filmaufnahmen von rechten Aufmärschen der Gegenwart unterlegt. Einen Moment lang wird sichtbar, wie viel Dynamit eigentlich in dem Text steckt. Über weite Strecken ist das ganze Unternehmen jedoch eine Harmlosigkeitsorgie und Juxbox. Eine vertane Chance.