Viele Adressen gibt es nicht, die man bei Google eingibt und die sogleich einen berühmten Bewohner preisgeben. Berggasse 9, Downing Street 10, Baker Street 221B vielleicht. Und dann gibt es Avenue Montaigne 12, Appartement 4. Dort, in Paris, hat Marlene Dietrich am Ende ihres Lebens gelebt. Das heißt: Dort hat sich Marlene Dietrich die letzten 13 Jahre ihres Lebens eingebunkert. Sie soll die Wohnung nie verlassen haben.

Marlene Dietrich ist so eine Ikone, dass sie es Sona MacDonald zunächst leicht macht. Der Frack, die charakteristischen Augenbrauen, die blonden Haare, der Zylinder und ein bisschen Scheinwerferspiel - es braucht nicht viel, um eine erkennbare Marlene auf die Bühne zu stellen. Dafür hat die Dietrich zu ihren Lebzeiten nachhaltig gesorgt. Aber so ein Theaterabend ist kein Faschingsfest oder eine Drag-Show - es ist keine Kleinigkeit, eine solche Legende dann auch mit Leben zu erfüllen.

Sona MacDonald in charakteristischer Marlene-Aufmachung. - © Moritz Schell
Sona MacDonald in charakteristischer Marlene-Aufmachung. - © Moritz Schell

Revue eines Lebens

Das gelingt Sona MacDonald in dem biografischen Stück "Engel der Dämmerung", das am Donnerstag in den Kammerspielen Uraufführung feierte, allerdings hervorragend: Sie macht sich Marlene Dietrich zu eigen, ohne sie zu imitieren. Die Figur ist ihr freilich auch nicht fremd. Vor sieben Jahren spielte sie die Diva am Burgtheater in "Spatz und Engel", einem musikalischen Zusammentreffen von Dietrich und Edith Piaf.

Torsten Fischer, der auch Regie führte, und Herbert Schäfer haben mit diesem Abend eine Revue eines selbstbewusst-zerrissenen Lebens gestaltet. Sie drehen die Zeit zurück ins Jahr 1992, das Todesjahr der Dietrich. Marlene (oder ihr Geist) ziert sich ein bisschen, noch einmal ihre Karriere zu reflektieren. "Ich geh mich einen Dreck an", sagt sie in Berliner Schnoddrigkeit hinter einer riesigen schwarzen Sonnenbrille. Dann singt sie "Just a Gigolo", mit dessen traurigem Satz "Life goes on without me" die echte Dietrich ihren letzten Filmauftritt (neben David Bowie) hatte. Dann verschwindet sie erst mal im Nebel, nur um im altbekannten Aufzug wiederzukehren.

Für die "freche Lola" muss die Hose zwar weichen, die dann zum Markenzeichen wird. Es geht nach Hollywood, eine Zeit der Affären, der Flops, aber auch eine Zeit des Mythos-Aufbaus: mit Sternbergs Scheinwerferkunst, die an diesem Abend auch MacDonald eindrucksvoll ins typische Licht setzt und mit der weiblichsten Androgynität der Filmgeschichte.

Martin Niedermair steht Sona MacDonald als verschiedene Männer, die Marlene auf ihrem Lebensweg begleiteten, zur Seite: Josef von Sternberg, Noel Coward, ein GI. Gegen Ende ist er auch ihr Spiegelbild, das ihr den Tabletten- und Alkoholkonsum vorrechnet. Viel Raum nimmt Dietrichs Truppeneinsatz im Zweiten Weltkrieg ein und damit ihr Gewissenskonflikt: Sie unterhielt die Männer, die Bomben auf ihre Mutter in Berlin werfen könnten. Ihr Hang zum Soldatischen - "Ich bin nur eine deutsche Offizierstochter, die ihre Pflicht tun will" - gibt der Diva wiederum diese auffallende Strenge.

Der erste Teil des Abends endet mit einem israelischen Gänsehautlied, das die Dietrich im Nachkriegs-Tel-Aviv gesungen hat. Der zweite Teil, der dann vor allem ihre Auftritte in Las Vegas aufgreift, kann da nicht mehr ganz mithalten - trotz der souveränen Begleitung der Gassenhauer durch die Band (Christian Frank, Herbert Berger, Andy Mayerl, Klaus Perez-Salado). Die inneren Konflikte sind nicht mehr so vielschichtig und erschöpfen sich vor allem in der selbstzerstörerischen Altersangst, die Heimatlosigkeit wird eher angerissen.

Vielleicht, um nicht im Klischee zu versinken, erklingt am Ende "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" in englischer Version. Nicht nötig: Sona MacDonald gelingt es, die Kunstfigur Marlene als kraftvolle Frau, die sich ihrer Entscheidungen immer mit verblüffender Leichtigkeit sicher ist, zu zeigen. Und die viel zu viel Stolz hat, mit den Konsequenzen zu hadern. Eine Vorstellung, die unterhält und berührt, ohne Mitleid zu erregen.