Während sich die Dresdner Semperoper und die Wiener Staatsoper trefflich streiten könnten, wo der "Rosenkavalier" nun hingehört - in Dresden wurde er uraufgeführt, in Wien spielt die Handlung -, wollte man beiden in Berlin wohl ein Schnippchen schlagen und rollte André Heller den roten Teppich für sein Opernregiedebüt an der Staatsoper Unter den Linden aus. Damit nicht genug, machte man das Ganze mit Xenia Hausner (Bühne) und Arthur Arbesser (Kostümdesign) gleich zu einer österreichischen Angelegenheit mitten im Land der Piefkes.

Im Falle des ästhetischen Multitalentes André Heller (72) durfte man schon auf einen Zugriff der besonderen Art mit Überwältigungseffekt hoffen. Doch genau das blieb aus. Vielleicht lag es an einem übergroßen Respekt vor dem Werk von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal, dass allzu konventionell vom Blatt gespielt wurde und die wenigen Regieeinfälle in ihrer Kleinteiligkeit keine Folgen für das Ganze zeitigten.

Regiekonzept als Behauptung

Der Bezug auf eine Benefizvorstellung der Oper am 9. Februar 1917 für die Kriegswaisen und -versehrten wird durch einen projizierten Programmzettel behauptet, bleibt aber ohne Folgen. Auch dass sich einmal ein paar Bühnenarbeiter in der Kulisse verirren, gebannt zuhören und zurückgepfiffen werden, erweist sich als Episode. Ebenfalls eine Verzierung: Dass der zweite Akt wie eine Vernissage des Beethoven-Frieses in der Wiener Sezession in Anwesenheit Klimts aussieht, bei der obendrein semiprofessioneller Chor-Aktionismus herrscht. So bleibt zwar genügend Zeit, um dem in vorbildlicher Diktion gesungenen Text zu folgen und die Musik zu genießen. Szenisch breitet sich aber aus, womit man bei einem Magier wie André Heller wirklich nicht gerechnet hatte: Langeweile.

Allein Günther Groissböck vermag sich dem mit seinem Ochs zu widersetzen. Er singt, spielt und ist die überbordende, eroberungsversessene Männlichkeit in Person. Auch wenn er dabei in seinem Habitus viel zu elegant angelegt ist. Er ist nicht die Erinnerung an einen maßlosen Verführer, der sich einredet, er wäre es noch - er ist dessen Gegenwart. Für sich genommen sind Groissböcks nie aufgesetzter Tonfall, die prachtvolle Stimme und sein Spiel ein Genuss: Der Wotan des kommenden Bayreuther Sommers zeigt sich in Hochform.

Auch Camilla Nylund überzeugt als Feldmarschallin mit Noblesse in Glanz und Diktion. Doch berührendes Mitfühlen kommt nicht auf. Man nimmt ihr das, was sie so schön singt, nicht wirklich ab. Hier wird in erster Linie abgeliefert, gerne auch an der Rampe mit Blick ins Publikum. Michèle Losier passte als Octavian im Kontrast zur reifen Frau mit ihrer knabenhaften Figur fabelhaft in die Rolle des jugendlichen Liebhabers. Nadine Sierra findet sich schnell in eine lyrisch singende und selbstbewusst auftretende Sophie. Roman Trekels Faninal allerdings bleibt trotz seines goldenen Anzugs farblos und seltsam steif.

Das Pult der Staatskapelle hatte Daniel Barenboim diesmal Zubin Mehta überlassen. Der geht altersweise gelassen und langsam zu Werke, setzt weniger auf lauernde Abgründe hinter der glitzernden Fassade und verlegt sich vor allem aufs Schwelgen im Wohlklang. Das alles ist jedenfalls fein gewoben.

Was das österreichische Produktionsteam optisch an Wien-Hommage aufbietet, zündet nicht wirklich. Xenia Hausners Bühnenästhetik mag in sich stimmig sein, bleibt aber letztlich beliebig - ob nun das herbstbunte Schlafzimmer der Marschallin, die Vernissage bei Faninal oder das mit einem orientalisch angehauchten Zelt bestückte Palmenhaus als Beisl. André Heller hatte im Vorfeld gesagt, dass er mit diesem Opernregiedebüt einen weißen Fleck auf seiner Erfahrungslandkarte tilgen wollte. Seine Fan-Fraktion konnte die Buhs für diese Arbeit gleichwohl nicht überdecken.

Mit Blick auf die Berliner Lindenoper fragt man sich nach dieser Premiere nicht zum ersten Mal, ob Intendant Matthias Schulz wirklich ein Konzept hat, um jenseits von zugkräftigen Namen und gängigen Stücken der Konkurrenz in der Stadt standzuhalten.