Es kommt nicht oft vor, dass Wiener Bezirksnamen auf Londoner Bühnen aufscheinen. Im Wyndham Theatre ist das derzeit aber so. Der Grund ist Tom Stoppard. Der renommierte Dramatiker ("Rosencrantz und Güldenstern sind tot", aber auch bekannt für das Drehbuch von "Shakespeare in Love") hat ein Stück namens "Leopoldstadt" geschrieben. Es handelt von mehreren Generationen einer wohlhabenden jüdischen Familie, die im 2. Wiener Gemeindebezirk lebt. Das Drama verfolgt den Lebensweg dieser Familie vom glamourösen Beginn des Jahrhunderts bis zum tragischen Ende - in Auschwitz oder Dachau. Es spielt ausschließlich im Wohnzimmer dieser Familie in jenem Teil Wiens, der zu Beginn noch Zentrum pulsierenden jüdischen Lebens in Wien ist.

Das Stück verhandelt das Thema der jüdischen Identität, einer Frage, mit der Stoppard erst spät in seinem Leben konfrontiert wurde. Der 83-Jährige hat erst in den 90er-Jahren von einem Verwandten erfahren, dass er selbst jüdisch ist. Und dass alle seine Großeltern und viele Verwandte in den Konzentrationslagern ermordet worden sind. Stoppard wurde als Tomas Straussler in der Tschechoslowakei geboren, von dort floh seine Familie im Zweiten Weltkrieg nach Singapur. Von dort ging die Flucht weiter nach Indien, kurz bevor japanische Bombenangriffe begannen -  Stoppards Vater wurde aber von einer japanischen Bombe getötet. Seine Mutter heiratete schließlich einen Briten, dessen Namen auch die Kinder übernahmen.

Freundlich aufgenommene Premiere

"Family Business" ist das Stück auch, weil Stoppards Sohn Ed eine Rolle spielt. Autobiografisch ist "Leopoldstadt" aber nicht. Es soll ein weitergefasstes Epos über jüdisches Schicksal in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert sein. Am Mittwoch feierte "Leopoldstadt" Premiere. Das Echo war freundlich, aber nicht überschwänglich. Der "Guardian" fühlt sich von der "Elegie" auf Distanz gehalten, auch "Variety" hat das Gefühl, emotional nicht gepackt zu werden von den ausufernden Debatten über jüdische Identität, die die Personen führen. Der Schluss freilich, in dem der Nachkomme eines durch Flucht geretteten Familienmitglieds seine Verwandten trifft, die die Lager überlebt haben, versöhnt die Kritiker. Es ist der wohl intensivste, weil auch der ansatzweise autobiografische Moment des Dramas, das die "New York Times"  auch als "persönliche Abrechnung" des Autors interpretiert.