Da steht sie, die junge Recha, die Augen tränenverschmiert, gerade wurde sie vom Tempelherren aus dem brennenden Haus gerettet, schon wird sie von ihrer Dienstmagd wieder herausgeputzt, in ein pinkfarbenes Rüschenkleid gesteckt, das vorne fest verknotet und hinten mit dem Bühnenvorhang vernäht ist, sodass sich die Schauspielerin Theresa Palfi kaum vom Fleck bewegen kann. Bevor sie die Bühne verlässt, muss der ganze Vorhang mit Karacho zur Seite geschoben werden, gern sucht sie auch Zuflucht im weichen Stoff und versteckt sich in den Falten des Vorhangs.

Pompöse Abgänge und große Auftritte sind so etwas wie das Markenzeichen dieser Inszenierung. Auf dem Spielplan des Linzer Landestheaters steht Lessings Religionsstück "Nathan der Weise" aus 1779. Das irrwitzigste Entrée ist der Sultanin Sittah vorbehalten. Katharina Knap verkörpert die Herrscherin in einem blutroten Kleid, das wie eine osmanische Rüstung wirkt, sie wirft die Arme in die Höhe, wiegt sich in den Hüften, stampft majestätisch mit schwingenden Rocksäumen über die Bühne, am Kopf trägt sie einen kunstvoll gewickelten Turban, das Gesicht geschminkt wie ein Pharao. Die ganze Figur ist wie ein Ausrufezeichen und Knap verkörpert die schillernde Kunstfigur mit Verve. Die Ausstattung (Bühne: Anneliese Neudecker, Kostüme Henriette Müller) wildert lustvoll im Nahost-Fundus.

Ein Auftritt wie ein Ausrufezeichen: Katharina Knap als Sultanin. - © Petra Moser
Ein Auftritt wie ein Ausrufezeichen: Katharina Knap als Sultanin. - © Petra Moser

Regisseurin Katrin Plötner will mit diesen gestelzten, fast parodistischen Auf- und Abtritten wohl ausdrücken, wie sehr der Habitus der Bühnenfiguren durch gesellschaftliche Zwänge geformt und codiert ist, was besonders auf die Frauen im Stück zutrifft. Die männlichen Protagonisten, vor allem die Hauptfigur Nathan, punktgenau getroffen von Sebastian Hufschmidt, bleiben davon weitgehend unberührt. Darunter leidet wiederum der Gesamteindruck der Aufführung. Die Inszenierung pendelt etwas unentschlossen zwischen Formwillen und naturalistischem Spielstil. Vor allem der junge Tempelritter (Markus Ransmayr) findet zwischen diesen beiden Polen kaum zu einer überzeugenden Figurendarstellung.

Religiöse Toleranz

Lessings "Nathan der Weise" spielt zur Zeit der Kreuzzüge in der umkämpften Stadt Jerusalem. Alle drei monotheistischen Weltreligionen wetteifern hier auf wenigen Quadratmetern um die Vormachtstellung. Das war im Mittelalter nicht viel anders als heute. Nathan, ein angesehener jüdischer Kaufmann, angeblich stand Lessings Freund Moses Mendelssohn dafür Pate, macht sich in dieser toxischen Umgebung für ein aufgeklärtes Gottesverständnis stark, spricht sich - Stichwort: Ringparabel - für religiöse Toleranz und gegen fanatische Eiferer aus. Dadurch verliert das Stück - bedauerlicherweise - nicht an Aktualität. Wie geht eine Inszenierung nun mit diesen theologischen Fragen um, die nach wie vor von enormer gesellschaftlicher Brisanz sind? Vor allem angesichts einer doch recht verwickelten Handlung mit haarsträubenden Wendungen?

Keine leichte Aufgabe. Regisseurin Plötner bleibt mit ihrem bunten Bilderreigen darauf eine Antwort schuldig. Sie konzentriert sich auf ein einigermaßen schlüssiges Nacherzählen der Erzählstränge, weiterführende Tiefenbohrungen finden nicht statt.