Nach dem Durchfall seiner Komödie "Weh dem, der lügt" im Burgtheater schrieb Franz Grillparzer nur mehr für die Schublade, und nur mehr Tragödien. Ihm verdarben 1838 politische Empfindlichkeiten den Erfolg. Denn beim Coup des Küchenjungen Leon zur Rettung eines nichtsnutzigen Höflings aus Geiselhaft, etwa zur Zeit der Merowinger, prallt französische Geistes- und Tischkultur auf deutsche Kraftmeierei, und Christi Lehre auf die Götter Wodan und Teut. Das Wahrheitsgebot, das ihm der Bischof in Burgund auf den Weg an die Mosel mitgibt, bewahrt, situationselastisch dosiert, Leon vor dem Scheitern seiner vorlauten Nichteinmaleinmann-Mission.

Weh dem, der lügt! von Franz Grillparzer / Regie Martin Pfaff im Bild: Stefan Suske, Loris Kubeng - © Foto: Barbara Pálffy / Volkstheater
Weh dem, der lügt! von Franz Grillparzer / Regie Martin Pfaff
im Bild: Stefan Suske, Loris Kubeng
- © Foto: Barbara Pálffy / Volkstheater

Ebenmaß und Witz von Grillparzers filigraner Versrhetorik verlangen hohe Präzision und einen langen Atem, um sich im schauerromantischen Wirbel der Handlung zu behaupten. Mit Blick voraus barg Martin Kušej Grillparzers Sargnagel 1999 in seiner ersten Inszenierung im Burgtheater aus dem Eck der Schullesedramatik. In ihrer irregulären Volkstheater-Endspielzeit, also zu spät, schickt Anna Badora "Weh dem, der lügt" nun in einer Pawlatschen-Sparfassung durch die Wiener Außenbezirke.

Der Deutsche Martin Pfaff, ehedem Intendant zu Detmold, rettete vom Text zwar die Hälfte, doch nicht die durchgehende Logik. Mit nur drei Kräften für zehn Episodenrollen um den Spielbeweger Leon herum ist kein christlicher Hofstaat zu machen und keiner im Barbarenland. Stefan Suske ist der Bischof – er hat Picassos Friedenstaube im Panier! - mit Gefühl für fromme Verse, doch als germanischer Graf ein Ritterspielgraus. Enrico Riethmüller tritt mit Riesentolle am Kopf und zickiger Eleganz alles Mitleid mit einem Kriegsopfer platt. Aus Detmold brachte Pfaff die Sängerin und Akkordeonistin Simone Krampe mit. Reizlos als junge liebende Edrita, fehl am Platz mit englischen Balladen. Galomir, der sprachlose deutsche Schlagetot, ist zur Silberglanz-Panzerpuppe miniaturisiert.

Selbstviert sagt das Ensemble mit Engelsflügeln zur Begrüßung an der Rampe ein Gedicht Marke Eigenbau auf. Was ist wahr? "Wahr ist, dass es im Ausland mehr Ausländer als in Österreich gibt." Dieselben Engel verwandeln sich zum Abschied in Teufel mit roten Blinklichthörnern. Was wohl bedeutet, dass die Wahrheit einmal so, einmal anders ist.

Loris Kubeng zieht den Thespis-Wanderkarren halb aus dem Dreck. Ein wirklich junger Leon mit treuseligem Geschau unter der Kochmütze. Naiv, durchtrieben, lebenstoll, rebellisch, gottvertraut? Alles zusammen im unverbrauchten Gesicht dieses rasend beweglichen Körperartisten, der sogar professionell mit drei Bällen jongliert. Mit seiner Zunge spielt er wie eine Schlange, rot das Haar, rot der Backenflaum: ungezügelte Fremdheit. Der Gast aus Berlin macht Pfaffs bisweilen infantiles Geisterbahn-Grusical ansehnlich.