Sollten Sänger darüber abstimmen, für welchen lebenden Komponisten sie am liebsten arbeiten, könnte Christian Jost unter den besten zehn landen. Der Deutsche, Jahrgang 1963, prüft seine Solisten nicht mit schroffen Zickzacklinien oder verschlungenen Arabesken, wie das in der Neuen Musik Sitte ist. Seine Bühnenfiguren kommen vergleichsweise unumwunden auf den Punkt. Geradlinige Kantilenen vermitteln ihre Wünsche und Ängste, gipfeln immer wieder in heftigen Haltenoten. Das beschert den Hörern nicht nur erhöhte Prägnanz, sondern auch ein Mehr an Textdeutlichkeit. Und für Quirligkeit sorgt ohnedies die Musik aus dem Orchestergraben. Rund 90 Minuten pocht und stürmt sie dahin im "Egmont", den Jost für das Theater an der Wien geschaffen hat und der Stadt damit die wohl packendste Opern-Novität seit Jahren beschert.

Tönender Teilchenbeschleuniger

Josts Klangsprache, drängend artikuliert vom RSO Wien unter Dirigent Michael Boder, nützt das Vokabular der zeitgenössischen Musik, beschränkt sich aber nicht darauf. Die grau schraffierte Klangfläche des Beginns weicht fiebrigen Rhythmen; das klassisch besetzte Orchester, ergänzt um ein Klavier und Marimba-Geklöppel, verwandelt sich allmählich in einen musikalischen Teilchenbeschleuniger: Kurze Motive beginnen auf Hochdruck zu rotieren, werden von schrundigen Bläserwolken überlagert, gipfeln in Ausbrüche, weichen bisweilen aber auch surrealen Klangflächen mit Nähe zur Renaissance-Tonalität.

Zumeist vermittelt diese Musik eine dräuende Düsternis - und damit ein starkes Charisma, das die Bühne auch nötig hat. Denn das Stück ist ungewöhnlich gebaut. Jost und sein Librettist Christoph Klimke haben Goethes "Egmont" auf 15 Szenen verknappt - ein Tribut an den Jahresregenten Ludwig van Beethoven, der im Jahr 1810 eine Bühnenmusik für das Drama beigesteuert hatte. In Josts Werk klingt aber weder Beethoven an (abgesehen von einem Textzitat an die "Unsterbliche Geliebte") noch Goethe im O-Ton. Das Stück ist für die Opernbühne völlig neu getextet worden. Der wichtigste Unterschied ist allerdings: Statt eines Trauerspiels ist es nun eine Art Traumspiel - oder besser gesagt ein Albtraumspiel. Handlung im üblichen Sinne findet nur etappenweise statt.

Traumtänzer gegen Machtjunkie

Sie ereignet sich etwa, wenn Graf Egmont und Herzog Alba in einem Prinzipienstreit aufeinanderprallen. Was ist Recht? Freiheitskämpfer Egmont pocht auf eine Verfassung für die besetzten Niederlande. Damit beißt er freilich auf Granit bei Alba: Der ist vom spanischen König Philipp II. zur "Befriedung" eines Aufstands entsandt worden und entwickelt sich zum Terminator in Hochform, der mit gemeinen Ketzern ebenso rasch aufräumt wie mit der ranghohen Egmont-Freundin Margarete von Parma. Als Machtjunkie füllt er sich dabei freilich selbst die Taschen und legt dies auch seinem Sohn Ferdinand ans junge Herz, das allerdings noch menschlich schlägt. Auch diese Szene ist eine Passage, in der sich die Handlung konkretisiert und aus einer traumtrüben Stimmung auftaucht - eine weitere die Interaktion von Egmont mit seiner Geliebten, die hier vom Clärchen zu einer eigenständigen Clara aufgewertet wurde.

Sonst meditiert der Abend über die Gemütsverfassung seiner Figuren: Wiederholte Worte laden sich mit Bedeutung auf, tanken Kraft aus der Musik, werden aber auch von der starken Inszenierung genährt. Ausstatter Ashley Martin-Davis lässt karge Metall-Kobel über die Bühne rotieren, Regisseur Keith Warner bestückt sie mit isolierten Gestalten: Der klangwuchtige Bo Skovhus (Alba) ist da ein blass gepuderter Wüterich, der Folterqualen gern persönlich steigert, Edgaras Montvidas (Egmont) ein zupackender Fantast unter einem Sehnsuchtshimmel voll schwarzer Origami-Vögel, Maria Bengtsson eine berückende Clara und Theresa Kronthaler ein vitaler Ferdinand neben der reschen Margarete von Angelika Kirchschlager. Mag zwar sein, dass sich der prächtige Schönberg-Chor am Ende etwas zu lange in Pathosformeln über "Engel in Sicht" ergeht. Mag auch sein, dass die Lektüre der Inhaltsangabe vorab kein Fehler ist. Dennoch ein imposantes, einhellig beklatschtes Werk, dem ein Leben über das Beethoven-Jahr hinaus zu wünschen ist.