Die Rolle des Mogli ist Ali Marcel Yildiz auf den Leib geschneidert. Denn der 29-Jährige, der nun in der vierten Saison in die Rolle des Findelkindes unter Wölfen schlüpft, weiß aus eigener Kindheitserfahrung, wie es ist, nicht wirklich dazuzugehören: "Ich wusste damals in der Schule genau, wie und wo ich mich gesellschaftlich und politisch positionieren wollte, aber aufgrund meines Namens und meiner ethnischen Herkunft haben mich vor allem meine damaligen Lehrer spüren lassen, dass ich ihrer Meinung nach nicht dort hingehöre." Eine innere Zerrissenheit, die er nun auch in der aktuellen Produktion "Dschungelbuch – das Musical"  auf der Bühne darstellt. Schließlich kämpft auch Mogli um seinen Platz im Wolfsrudel, während seine beiden Lehrer Baghira und Balu mit sich ringen, ob der kleine Mann nicht unter den Menschen besser aufgehoben wäre.

Gemeinsam mit Yildiz stehen noch fünf weitere Darsteller auf der Bühne des 2008 gegründeten Theater Liberi, das seit 2016 nicht nur mit dem "Dschungelbuch"-Musical mehr als 80 verschiedene Bühnen bespielt hat, sondern noch mit zahlreichen weiteren Produktionen. Die sechs Schauspieler schlüpfen teilweise in Einzelrollen – neben Mogli (Ali Yildiz) sind das ein sehr geschmeidiger Baghira (Lisa Perner), ein dicklicher, aber sehr agiler und lustiger Balu (Okan Sen) und ein furchterregender, aber urcooler Shir Khan (Rick Middelkoop, der auch einen Affen spielt) – oder spielen mutige Wölfe, freche Affen und witzige Geier sowie Kaa (Laura Brümmer) beziehungsweise das Mädchen Narami (Wiebke Isabella Neulist), das Mogli den Kopf verdreht.

Cooler Shir Khan, freche Affen, witzige Geier

Die eher minimalistisch eingerichtete Bühne (Beata Kornatowska) wirkt in der Wiener Stadthalle F teilweise fast ein bisschen groß für die paar Darsteller, deren Kostüme Annette Pfläging sehr ansprechend gestaltet hat. Auch die stilistisch bunt durchgemischte Musik von Christoph Kloppenburg und Hans Christian Becker hält sehr eingängige Melodien bereit.

Inhaltlich gibt es in der Geschichte (adaptiert von Helge Fedder) wenig Neues: Shir Khan will Mogli fressen und wird von diesem mithilfe des Feuers (das er von Narami bekommt) besiegt. Auch Kaa hätte durchaus Appetit auf den Adoptiv-Wolf und versucht ihn zu hypnotisieren. Die Affen entführen Mogli (und liefern sich nach einem "Bananas!"-Kampfschrei à la Minions einen ulkigen Zeitlupen-Zweikampf mit Baghira und Balu). Mogli selbst ist zerrissen zwischen den beiden Welten Wölfe/Menschen und dabei eher rebellischer Teenie als trotziges Kind. Und auch die Geier haben ihren Auftritt und sorgen für Lacher im Publikum, dem nur zwischendurch die Musik stellenweise etwas zu laut ist. Vor allem geht der Gesang manchmal ein bisschen unter, was schade ist, weil der Text durchaus lehrreiche Passagen zum Thema Freundschaft und Zusammenhalt enthält. Yildiz wünscht sich trotzdem, dass die jungen Zuseher aus dem Stück etwas mitnehmen "und ihre Freunde und Mitmenschen respektvoll behandeln, egal wo derjenige herkommt oder wie merkwürdig er zu Beginn vielleicht auch scheinen mag".

Im März kehrt das Theater Liberi übrigens nach Österreich zurück. Da steht dann "Pinocchio" auf dem Spielplan.