An Glanz und Glamour mangelt es nicht. Die gesamte Bühne des Burgtheaters ist mit glitzernden Vorhangfäden behängt, von oben bis unten, ganz so, als befände man sich in Las Vegas. Showbusiness! Zu Beginn der Aufführung tänzelt das 16-köpfige Ensemble paarweise über einen Laufsteg: großer Auftritt der shiny happy people, alle ein Dauergrinsen in die Gesichter geschraubt, der lässigen Pose verpflichtet. Alles Walzer! Und allzeit bereit zum Voguing!

Diese eitlen Tänzerinnen und Tänzer werden in dem schillernden Ambiente die kommenden dreieinhalb Stunden lang Shakespeare im Doppelpack zum Besten geben? Mord und Totschlag? Verrat und Intrige? Auf dem Spielplan steht "This is Venice", in dem die vergleichsweise lichte Tragödie "Othello" mit der dunklen Komödie "Der Kaufmann von Venedig" verwebt werden soll.

Prominente Außenseiter

Szene aus "Othello": Roland Koch, Marie-Luise Stockinger. - © Horn
Szene aus "Othello": Roland Koch, Marie-Luise Stockinger. - © Horn

Die Schweizer Literaturwissenschafterin Elisabeth Bronfen und die Bühnenbildnerin Muriel Gerstner haben den ungewöhnlichen Doppelpack dramaturgisch eher simpel verstrickt: Auf eine Szene aus dem einen Stück folgt eine Episode aus dem anderen - und immer so fort, allein die Prostituierte Bianca (von Stefanie Dvorak mit Grandezza gespielt), die aus "Othello" stammt, tritt gewissermaßen als Grenzgängerin in beiden Teilwerken auf. Und einige Male kommt es auch zu einer vertraulichen Geste zwischen den prominenten Außenseiterfiguren: Othello und Shylock.

Auf einer Metaebene weist das ungleiche Doppel erstaunliche Parallelen auf: In beiden Stücken geht es um patriarchale Systeme, die Minderheiten ausschließen, Frauen unterdrücken. Es gibt spiegelbildlich desaströse Vater-Tochter-Beziehungen, im Kern dreht sich ohnehin alles um Geld und den Machterhalt der alten weißen Männer. So gesehen würde sich das Venedig des 16. Jahrhunderts kaum von heutigen Metropolen unterscheiden. Auf dieser Ebene - der systemischen Analyse von Rassismus und Sexismus - funktioniert Sebastian Nüblings Regie ziemlich reibungslos.

Der Regisseur verhandelt bei seinem Burgtheater-Debüt routiniert gängige Codes des Gegenwartstheaters: Aus Antonio (Dietmar König), dem Kaufmann von Venedig, und dessen Freund Bassanio (Mehmet Ateșçi) wird ein schwules Liebespaar; die Strippenzieherin Porcia wird von der dunkelhäutigen Stacyian Jackson verkörpert, die, weit entfernt vom lupenreinen Burgtheater-Deutsch, in ihren Textpassagen nonchalant zwischen Englisch und Deutsch changiert; Othello kommt ohne die in Misskredit geratene schwarze Schminke - Stichwort Blackfacing - aus. Roland Koch verkörpert den tragischen Helden schlicht in schwarzer Hose und Unterhemd. In dem aufgetakelten Ambiente (die restlichen Bühnenfiguren sind meist mit bodenlangen Tüllröcken und weißen Krägen herausgeputzt) wirkt der große Kriegsheld wie ein Prolo. Eine durchaus passende Stigmatisierung. Shylock, eine weitere Bühnenfigur mit problematischer Rezeptionsgeschichte - der jüdische Geldverleiher hat mit antisemitischen Zuschreibungen zu kämpfen -, wird bei Nübling von dem aus Israel stammenden Schauspieler Itay Tiran dargestellt; Tiran macht in der aufgekratzten Atmosphäre bella figura und rezitiert Verse auf Hebräisch.

Die Fassade der Inszenierung? Tadellos. Das interkulturelle Ensemble - eine Novität am Burgtheater - betreibt Kapitalismuskritik und agiert feministisch sowie LGBT-freundlich. Unter der Oberfläche aber knarzt und ächzt die Theatermaschinerie unter dem Druck der Zeitgenossenschaft: Die Inszenierung rast förmlich durch das handlungs- und figurenreiche Flickwerk, um wesentliche Stationen beider Dramen unterzubringen. Auf der Strecke dieser durchaus bemerkenswerten Tour de Force bleibt allerdings das Unglück der jeweiligen Protagonisten: Shakespeare en miniature. Othello und Shylock werden jeweils Miniatur-Episoden zugesprochen; in Kurzauftritten vermag sich die Fallhöhe dieser Figuren, die Tiefe der Gefühle indes nicht zu vermitteln. Das ist besonders bedauerlich, da sowohl Koch als auch Tiran ihre Rollen selbst in der gebotenen Kürze dermaßen facettenreich anreißen, dass man sich wünscht, man hätte sie in der Original-Fassung erlebt. Aber vielleicht liegt genau darin die wahre Tragik von "This is Venice": Im pragmatischen 21. Jahrhundert ist alles, was am Ende bleibt, Leben in Schlagworten und Überschriften.