Es mag Menschen geben, die die Gesellschaft von "zwei Titten ohne Hirn" schätzen, Pierre Peters gehört aber nicht dazu. Der Journalist steht reichlich uninspiriert bis angefressen vor der Tür des Filmsternchens Katja, das sich zum Interview mit ihm verspätet. Nicht nur deshalb ist Pierre sauer, sondern auch, weil er eigentlich politischer Redakteur ist, und als solchem ist ihm dieser Auftrag natürlich viel zu banal. Zumal sich gerade jetzt auch ein Rücktritt der Regierung abzeichnet, von der er dann ja nicht berichten kann, weil er bei der "plastifizierten Mumie" sitzt.

Er kann ja nicht ahnen, dass dieses Gespräch ihn so fordern wird, wie es wohl noch kein Minister zuvor geschafft hat. Denn Katja mag ja mittelgraziös auf ihren Valentino-Heels herumstolzieren und sich dauernd mädchenhaft in die lange Haarmähne greifen, aber eins kann sie schon sehr gut: manipulieren. Bis Pierre das kapiert, hat er sich freilich schon um Kopf und Kragen geredet - und zwar vor allem aus einer selbstgerechten Unterschätzung der Frau.

Vorn und hinten aufgeplustert

Martin Kušej hat die Theaterfassung von Theo van Goghs Film bereits einmal inszeniert - 2009, schon damals mit Birgit Minichmayr in der Rolle der Katja. Im Akademietheater hat er das Stück nun nach der endgültigen Absage von "Tosca" als eine Art luxuriösen Lückenbüßer eingesetzt, mit Aktualisierungen, die auf die österreichische Innenpolitik anspielen, und einem neuen Hauptdarsteller als Pierre, Oliver Nägele.

Einmal zu viel von oben herab: Pierre (Oliver Nägele) hält Katja (Birgit Minichmayr) nicht für eine ebenbürtige Gesprächspartnerin. - © Matthias Horn
Einmal zu viel von oben herab: Pierre (Oliver Nägele) hält Katja (Birgit Minichmayr) nicht für eine ebenbürtige Gesprächspartnerin. - © Matthias Horn

Katja erscheint schließlich doch, im rosa Pelzjäckchen, außerdem hat man Birgit Minichmayr zur vollendeten Schnepfenverwandlung offenbar den Popsch und den Busen aufgeplustert. Das passt auch insofern, als Minichmayr ihre Katja sehr körperlich betont mit kunstvollem Lange-Beine-Überschlagen anlegt - ist doch die Schauspielerin auch jemand, der sich seiner Reize überaus bewusst ist. Die bekommen in der spartanisch eingerichteten Bühne (einziges "Mobiliar": ein Teppich und zwei Rotweingläser) von Jessica Rockstroh auch viel Raum. Das Interview beginnt, sagen wir, holprig, Pierre lässt ziemlich demonstrativ heraushängen, dass er sich mit der Gesprächspartnerin noch nie auseinandergesetzt hat und ihm das auch herzlich wurscht ist. Diese Respektlosigkeit spießt Katja wiederum auf und hilft ihm zumindest auf die Sprünge: Er könnte sich ja Fragen einfallen lassen, die er ihr stellen würde, wäre sie ein Politiker. Da ist er dann zimperlicher, als man denken würde, aber für Schauspieler, die heutzutage mitunter wirklich hochsensible Interviewpartner sind, kann die Frage: "Finden Sie gut, was sie da machen?" schon ein Gesprächsbeender sein. Nicht so bei Katja, die Pierre vorrechnet, dass sie immerhin neun Millionen Menschen, wie sie betont wiederholt, eine Freude gemacht hat mit ihren Filmen.

Irgendwie merkt Pierre gar nicht, dass Katja viel mehr aus ihm herauslockt als er aus ihr. Er erzählt ihr von seinem Reportereinsatz im Jugoslawienkrieg, von seinen familiären Schicksalschlägen und er behauptet irgendwann gar, Journalist zu sein, habe ihn zu einem besseren Menschen gemacht. Diese gar unwahrscheinliche Aussage stachelt Katja dann offenbar an, den unmittelbaren Beweis anzutreten, dass dem nicht so ist. Die finale Wendung demonstriert, dass im Hirn der Schauspielerin offenbar doch mehr ist, als die vom Buseneingriff eingesickerten "Silikongedanken", derer sie sich selbst bezichtigt.

Suhlen in Beleidigungen

Zu viel will man vom Verlauf des Abends nicht verraten. Zu sehr lebt er von den pointierten Dialogen der beiden, die sich in der Verletzlichkeit des jeweils anderen trefflich suhlen. Minichmayr ist als Katja so komisch wie einschüchternd, und demonstriert außerdem - in einem Videoeinspieler mit Gast Daniel Jesch - das nur richtig gute Schauspieler richtig schlechte Schauspieler famos spielen können. Oliver Nägele ist ein - seelisch und körperlich - verwundeter Mann, der aus dem Grauen seines Lebens aber auch ganz gut Kapital schlägt in dem Gespräch. "Das Interview" ist ein kluger und teilweise sehr komischer Versuch über die Dynamik von Vertrauen, der unterhält, aber nicht sehr nachhaltig zum Nachdenken anregt. Das reicht aber - mit einer so formidablen Besetzung - manchmal auch.