Die Vorgaben sind unmissverständlich: Prinzessin Turandot heiratet jenen Mann von königlichem Blut, der die drei Rätsel löst, die sie ihm aufgibt. Wer die Probe nicht besteht, ist dem Henker verfallen. Weiß wie Jade, kalt wie Stahl, das ist die schöne Turandot. Ein Blick genügt, und auch der kühne Fremdling verfällt dem süßen Duft der Unbarmherzigen.

Gebieterisch und abweisend vom gekrönten Scheitel bis zur seidenbeschuhten Sohle gibt Elena Pankratova die von Eis umgürtete chinesische Prinzessin - mit imposanter Dramatik, ausdauernder Kraft und lodernder Glut in der Stimme. Um diese Frau zu erobern, braucht es einen Calaf vom Kaliber eines Roberto Alagna. Schmelz und Timbre des Tenors sind nach wie vor beglückend. Und doch konnte der Sänger am Donnerstag nicht voll überzeugen. Vor allem das "Nessun dorma" verunfallte durch mangelnde vokale Festigkeit und eine holprige dynamische Gestaltung. Ramón Tebar, an sich tadellos am Pult des gut klingenden Staatsopernorchesters, konnte den eigentlich Gänsehaut versprechenden Moment auch nicht retten.

Sehr erfreulich war der erstmalige Auftritt von Golda Schultz als heimlich liebende Sklavin Liù. Der südafrikanischen Sopranistin gelang eine innige und zu Herzen gehende Rollengestaltung inmitten der oft unruhigen Inszenierung von Marco Arturo Marelli. Bleibt die Gewissheit der kompositorischen Meisterschaft von Giacomo Puccinis farbenprächtiger Partitur: pompöser Prunk, intime Zartheit, leidenschaftliches Pathos. Im Grunde wäre alles da.