Ein irrealer Raum. Das Mobiliar des Mittelbürger-Wohnzimmers hängt 1:1 kopiert von der Decke. Mit diesem Spiegeleffekt will die Bühnenbildnerin Miriam Busch die Schwerkraft drückender Familienverhältnisse aufheben. Ein Versuch, der scheitern muss. Denn beginnen erst Marcus Bluhm und Susa Meyer über eine gescheiterte Ehe zu reden, platzt die hübsche Irritation und stürzt ab ins allergewöhnlichste Gerede, das TV-Familienserien füllt. Dabei folgt die Regisseurin Stephanie Mohr den Absichten des Autors. Denn der Pariser Bühnen- und Drehbuchautor Florian Zeller, Jahrgang 1979, setzte auf entlarvendes Immergleiches, als er in seiner Trilogie "La Mére" (2010), "Le Pére" (2012) und "Le Fils" (2018) dem vielbeklagten Horror in der Kleinfamilie nachspürte.

Im ersten Teil ist eine Mutter einsam zurückgelassen und spricht mit Geistern der Kinder, im zweiten verdämmert ein Vater mit 84 im Alzheimer. "Der Sohn" ist auch der Titel eines expressionistischen Meisterstücks von Walter Hasenclever aus dem Jahr 1914. Wo zuletzt der politisierte Junge den Revolver zieht und der Vater zu Tode erschrickt. Zeller baut in sein Drama auch den Großvater ein und verdoppelt damit den Generationenkonflikt.

Patchworkfamilien-Alltag

Bleischwere breitet sich im Auditorium der sonst auf Unterhaltung abonnierten Kammerspiele durch 70 Minuten bis zur Pause aus. Stephanie Mohr reiht systematisch-kühl Standardsituationen in Patchworkfamilien aneinander. Erst zum überraschenden Finale hin, kommt ihre Regie zu eigenem Atem. Pierre, ein Advokat um die 50, ist von seiner Anne zur viel jüngeren Sofia ausgerückt und hat mit ihr ein neues Kind. Sein erster Sohn Nicolas wechselt von der Mutter zum Vater. Diesen 18-Jährigen beutelt eine spätpubertäre Krise bis zum Gehtnichtmehr durch. Nicolas klagt: "Ich schaffe es nicht, zu leben". Vater fragt: "Habe ich dir nicht alles gegeben?" Mutter nennt Nicolas "meine kleine Sonne". Bubi verwüstet kurz einmal die Wohnlandschaft. Einzig ein Hüftschwungtanz von Vater und Sohn bringt Lacher. In ihren Dialogen wandert die Schuld an Nicolas‘ exogener Depression vom familienflüchtigen Vater zurück zum Großvater. Der habe ihm, so erzählt Pierre, die Nestwärme versagt und sei lieber jagen gegangen. Aus Großvaters Passion blieb ein Gewehr zurück.

Als Kind-Männer, die sich unverstanden wissen trotz aller elterlichen Handreichungen oder Anbiederungen, können sich junge Schauspieler mit prominenten Vorbildern von James Dean an abwärts messen. Julian Valerio Rehrl, 22, bringt den nötigen inneren Druck auf die Waage, der das Sprechen und die Motorik blockiert. Doch diesen Halbstummen scheint wie von seinem Vater auch von seinem Publikum eine Glaswand zu trennen. Unanfassbar wie Papiermenschen auch das Elternpaar. Berichtet Pierre, dass Nicolas mit der Klinge die Pulsader ritzte, grübelt Anne "Warum hat er bloß keinen elektrischen Rasierer".

In Zellers Familiencrashlabor wird Marcus Bluhm zu hemdsärmeliger Gewöhnlichkeit hinunterstilisiert und Susa Meyer zur grauen Maus. Swintha Gersthofer als junge Neue blinzelt bisweilen kokett, ist aber sonst nur Erscheinung (in guten Kostümen von Nini von Selzam), nicht Figur. Oliver Huether gibt den Arzt in einer psychiatrischen Klinik, der Nicolas auf Zeit von der Familie trennen will, im groben Modus eines Leichtathletiktrainers. Doch schlichte Amtsmedizin hätte das Mann-Kind retten können. Ein Aufprall im Reich der Fantasie, wo Pierre wie im Zaubermärchen vorgeführt wird. Was er verbockte, rettet dem Abend den Applaus.