Schon zu Beginn zwinkern einem die Dinosaurier von der Bühne so verschwörerisch zu. Dann wundert es einen auch nicht, dass am Ende Dinosaurier auf der Bühne tanzen. Im feschen Disco-Stroboskop-Licht. Und wer würde einem Dinosaurier auch verbieten wollen, zu tanzen. Reicht doch, dass die ausgestorben sind, man muss sie nicht noch mehr demütigen. Das ist der absurde, aber seltsam naheliegende Höhepunkt dieses Abends. Das passt, handelt es sich doch um einen herzhaft-bizarren Drogenwahntraum beim Stück "Angstbeißer" von Wilke Weermann, das am Donnerstag im Schauspielhaus uraufgeführt wurde.

Vier Freunde stehen im Mittelpunkt von "Angstbeißer" - Sanne, Topher, Jamin und Sven -, über ihnen wacht eine Art Todesengel mit Piratenaugenklappe. Angezogen sind sie in der Inszenierung von Anna Marboe wie Powerranger und Superhelden im Lifeball-Modus (Kostüme und Bühne: Giovanna Bolliger) und retten sich von Valium über Koks zu Ketamin. Wenn einer tatsächlich ernste Probleme hat, wird das im Strudel der Drogen runtergespült und verblödelt. Sie lehnen meist an einer Bar, ein umgelegtes U, das auch eine Kücheninsel, später auch ein Dancefloor sein kann, und mit dessen Lichtleisten man durch Farbwechsel sowohl in den Club (pink) gelangen kann als auch zum Mäci (rot/gelb). Albtraumtagebuch-Sequenzen werden immer wieder vom Bob-Dylan-Song "The times they are a-changin’" in Coverversionen unterbrochen. Eine Küchengeräte-Choreografie, die an die "Reise nach Jerusalem" erinnert, vermittelt ironisch die Illusion, dass diese Menschen noch Kontrolle über irgendetwas haben.

Pokemon und Höllenhund

Mehr oder weniger witzige Regieeinfälle häufen sich: So wird das Anstehen vor der Clubtür wie eine Ballettübung an der Stange inszeniert, es gibt auch einen Höllenhund-Wöff-Rap mit Heul-Refrain, den Sanne als Steak verkleidet beendet. Der letzte Club, in den sie alle unerwartet hineinkommen, heißt Vortex, und wie ein Wirbel zieht er sie auch hinab ins Grauen, das sich unter anderem in Musik äußert, die sowohl an die Netflix-Horrorserie "Stranger Things" als auch den Hochglanzthriller "Drive" erinnert. Überhaupt sind die popkulturellen Anspielungen reichlich, sowohl bei Text als auch Regie - das geht von Pokemon zu Harry Potter bis dahin, dass sich die vier unvermittelt zusammenstellen, als würden sie für das Plakat einer Marvel-Comicverfilmung posieren.

So wirkt auch Weermanns Text wie eine Millennial-Slacker-Parodie, die sich das Cape eines Slasherfilms umgehängt hat. Das ist recht unterhaltsam, weil es mitunter so klingt, als wäre Sven Regener auf Liquid Ecstasy ausgerutscht, die Sprache hat eine pralle Humordynamik, die aber auch Zärtliches zulässt, wie den rührenden Satz von Sanne über ein Flugzeug: "Eine Metallwurst, in der das kleine Sanne-Leben drinsteckt." Das Ensemble (Simon Bauer, Jakob D‘Aprile, Clara Liepsch, Til Schindler und Sebastian Schindegger) bringt das mit gut austarierter Balance aus Ernst und Witz rüber. Und als Dinos sind sie wirklich sehr putzig.