Sollte man Johann Strauß einen Brief in den Geigenhimmel schreiben können, man dürfte ihm zweierlei mitzuteilen. Die gute Nachricht: Der Ehrgeiz des Walzerkönigs, sich in den Opernhäusern zu etablieren, hat dauerhaft Früchte getragen. Die schlechte Nachricht: Unter diesen Aufführungen sind ein paar saure Zitronen. Seit Samstag hat die Volksoper einen neuen "Zigeunerbaron" - doch er vermittelt nichts von dem Schönklang, mit dem sich diese Operette nach der Operndecke streckt.

Kaum ein Sänger, der Ariensinnlichkeit zu verbreiten wüsste. Stimmt zwar: Die Erstbesetzung hat in Kristiane Kaiser (Saffi) eine Opernstimme von kräftigem Format; Martina Mikelić (Czipra) besingt die traurigen Seiten des Romalebens durchschlagskräftig, und Lucian Krasznec ist im Besitz der nötigen Tenor-Spitzentöne. Im Großen und Ganzen tritt hier aber ein Paradebeispiel der "goldenen" Operetten-Ära glanzlos auf. Dabei krankt der Abend nicht nur an Solisten, die eher das Auge unterhalten als das Ohr, sondern auch an einem Chor mit sporadischem Brüllstimmenanteil.

Klischeeverweigerung

Immerhin: Alfred Eschwé hält das Orchester auf solidem Niveau, und Peter Lund hat viel Hirnschmalz in sein Regiekonzept gesteckt. Das heißt freilich nicht, dass es ganz überzeugt. Lund, an der Volksoper mit "Axel an der Himmelstür" erfolgreich, hat den "Zigeunerbaron" moralbeflissen überarbeitet. Ihm reicht es nicht, dass die Roma schon im Libretto als Sympathieträger gelten. Weil der Werktitel aus dem Jahr 1885 gegen die Political Correctness von heute verstößt, bestückt Lund die Bühne mit etlichen Nachweisen edler Gesinnung. Und er vergeudet keine Minute. Schon während der Ouvertüre versucht ein Animationsfilm, das Bewusstsein für die Leidensgeschichte der nämlichen Volksgruppe zu sensibilisieren. Immerhin, dieser Anfang ist ästhetisch gestaltet. Doch es wird plumper - und öder. Einschlägige Klischees werden krampfhaft verweigert: Statt Lagerfeuer und Tänze abzuhalten, zeigt sich die Gefolgschaft des "Zigeunerbarons" vor allem in dunkler Kleidung. Paprika, Geigen? Schnecken! Auf der anderen Seite verkommt Kálmán Zsupán, der böse Schweinezüchter, zur Karikatur einer Karikatur. Strauß’ Schurke ist hier nur im Nebenerwerb Landwirt, in der Hauptsache Waffenproduzent und beutet dafür - man ahnt es! - die Roma aus. Es überrascht nicht, dass diese Textfassung auch Dicke-Frauen-Witze zensuriert und das Happy End unter Anführungszeichen setzt.

Dabei hätte Lund gut daran getan, der Bühne mehr Augenmerk zu schenken. Zwar reizen dort ein paar groteske Einsprengsel das Auge (wie die Schweinenasen im Zsupán-Gefolge); und die Opernlegende Kurt Rydl poltert sich slapstickschroff durch die Rolle des Wüstlings. Davon abgesehen stellen sich im stilisierten Bühnenbild (Ulrike Reinhard) weder Schmäh noch Tempo ein. Zwischen Auf- und Abgängen bleibt es meist bei klamaukbemühtem Stehtheater. Zwar mit besten Absichten. Aber ohne das nötige Rüstzeug. Bleibt der hoffnungsvolle Blick über die Stadtgrenzen: Wer weiß, vielleicht findet der "Zigeunerbaron" ja irgendwann wieder Obdach bei den Seefestspielen Mörbisch.