Pontus Lidberg ist Filmemacher, Choreograf und Tänzer. Der gebürtige Schwede hat sich mit seinen 42 Jahren bereits als kreativer und visionärer Künstler etabliert, der Tanz und Film vereint. Für das Wiener Staatsballett kreierte er als Auftragswerk "Between Dogs and Wolves", das am Mittwoch, 4. März, im dreiteiligen Ballettabend "Lukács | Lidberg | Duato" uraufgeführt wird. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erklärt er den ungewöhnlichen Titel und wie sehr Filmemachen und Choreografieren einander beeinflussen.

"Wiener Zeitung": Wie starten Sie Ihre Arbeit an einem neuen Werk, wie etwa dem Auftragswerk für das Staatsballett?

Pontus Lidberg:Es beginnt immer damit, dass ich zuerst die Mitglieder des Ensembles treffe. Ich muss verstehen, wer diese Kompagnie ist, denn jedes Ensemble hat seine eigene Kultur, sein eigenes Aussehen, seine eigene Leitung. Ich muss eine Idee bekommen, wer sie sind. So ist beim Staatsballett das Niveau an klassisch trainierten Tänzern sehr hoch - ein ungewöhnlich hohes Niveau. Aus diesem Grund macht es Sinn für mich, in ihrer Sprache zu arbeiten, also Ballettvokabular einzusetzen.

"Between Dogs and Wolves" klingt sehr ungewöhnlich für den Titel eines Balletts.

(lacht verschmitzt) Ja, dieser Titel lässt mehrere Deutungen zu. Es ist auf Französisch ("l’heure entre chien et loup") eine häufige Redewendung, die von der lateinischen "inter canem et lupum" abstammt. Gemeint ist damit jene Stunde bei Sonnenuntergang, wenn man in der Dämmerung einen Wolf von einem Hund nicht unterscheiden kann. Diese Redewendung lässt viele Interpretationen zu und ermöglicht mir einen breiten Rahmen an poetischen Analogien. Eine Interpretationsmöglichkeit ist, dass ich mit diesem gegenderten Ballettuniversum spiele: Es ist eine strenge Trennung zwischen männlich und weiblich, und ich beschäftige mich auch damit, was dies für die Tänzer bedeutet. Wenn man als Balletttänzer arbeitet, dann akzeptiert man dieses Rollenbild. Wenn man das Geschlechterbild des Balletts nicht akzeptiert, dann bleibt einem der zeitgenössische Tanz. "Between Dogs and Wolves" ist also auch ein Ballett über das Ballett und es kommen Tiere vor.

Sie lernten sehr früh neben dem Ballett schon Klavierspielen. Beeinflusst das den kreativen Prozess? Also haben Sie eine Musik im Ohr, die sie vertanzen, oder eine Idee, die sie in Schritte bringen und dazu die Musik wählen?

Sowohl als auch. Habe ich eine Idee, zu der ich noch Musik brauche, arbeite ich mit zeitgenössischen Komponisten zusammen. Wenn ich vorhandene Musik wähle, entscheide ich dann, ob ich mit ihr, oder gegen sie arbeite. Tanz und Musik ist eine Symbiose, sie sprechen miteinander. Bei diesem Stück verlief es so, dass ich Schostakowitschs Zehntes Streichquartett in Orchesterversion bereits kannte. Aber ich wollte dieses Werk gemeinsam mit den Tänzern erarbeiten.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Tänzer aus?

Casting ist sehr schwierig und oft eine intuitive Entscheidung. Es ist, als ob man eine Beziehung mit dem Tänzer eingehen würde. Es passiert, dass letztlich alles anders kommt, als man gedacht hat. Das persönliche Leben ist dabei eine Background-Symphonie.

Wie würden Sie Ihre choreografische Handschrift beschreiben?

Ich arbeite von sehr zeitgenössisch bis sehr klassisch in allen Stilen. Sicherlich sind lange Bewegungsflüsse und eine lyrische und poetische Basis erkennbar. Und dann ist auch ein theatralisches Element immer Teil meiner Werke.

Sie sind auch mehrfach ausgezeichneter Filmemacher. Wie sehr fließt dies in Ihre Bühnenarbeit ein?

Gut, dass Sie das ansprechen, denn das ist ja auch ein Teil meiner Handschrift. Es ist eine besondere Art zu denken, zu kreieren, zu sehen und sich vorzustellen, wie eins ins andere übergeht. Mein Verstand arbeitet eher in filmischer Sichtweise. Das hat viel mit Timing zu tun, denn beim Film ist Zeit befreit: Man kann vorwärts- oder rückwärtsgehen und stoppen. Man kann an zwei Plätzen gleichzeitig sein, oder in der Gegenwart und dann gleich in der Zukunft. Diese Grundideen kann ich auch auf der Bühne umsetzen. Im Theater schafft man einzigartige Momente, die es so nicht mehr geben wird. Das ist einfach wundervoll.