An sich sollte längst Frieden herrschen zwischen Plácido Domingo und der American Guild Of Musical Artists, kurz AGMA. Die US-Gewerkschaft hat in den Vormonaten die Belästigungsvorwürfe gegen den spanischen Star-Sänger und ehemaligen Direktor der Opernhäuser von Washington und Los Angeles untersucht. Dabei ist der Abschlussbericht zwar zu einem düsteren Befund gekommen: Der 79-Jährige habe in der Vergangenheit seine Macht dazu benutzt, sich Frauen anzunähern. Die Ergebnisse sollten allerdings nicht im Detail an die Öffentlichkeit gelangen. Die AGMA plante die Publikation einer oberflächlichen Zusammenfassung und den Verzicht auf weitere Schritte. Domingo wollte im Gegenzug ein reuiges Statement veröffentlichen und 500.000 Dollar zahlen. Das Geld sollte die Untersuchungskosten abdecken, andererseits Opferschutzvereinen zugutekommen.

Daraus wird nun nichts. Wie die "New York Times" berichtet, hat ein Insider den Deal gesprengt. Unmittelbar, nachdem Domingo seine geplante, vage Entschuldigung verschickt hatte, sickerten die Details der Untersuchungsergebnisse durch: Der einst gefeierte Tenor habe Frauen begrapscht, ihnen unerwünschte Küsse aufgedrückt, sie spätnachts mit Anrufen belästigt und zum Geschlechtsverkehr gedrängt. Domingos Anwaltsteam reagierte prompt: Der Deal sei geplatzt.

Nun steht die Identität des Whistleblowers fest: Samuel Schultz, selbst Vizepräsident der AGMA, bekannte sich zu der Enthüllung und gab gleichzeitig seinen Rückzug aus der Gewerkschaft bekannt. Er habe die Untersuchungsergebnisse aus moralischen Gründen an die Associated Press (AP) weitergeleitet, erklärt er in einer Stellungnahme. "Das ist ein Quid pro quo", schreibt er über die geplante Einigung, "Schweigen im Austausch für Geld". Schultz gibt an, selbst der "Überlebende eines sexuellen Angriffs" zu sein: Ein berühmter Countertenor habe ihn im Jahr 2010 belästigt.

Die AGMA bestreitet den Vorwurf der Schweigegeldzahlung. Die Gewerkschaft hätte die Ergebnisse auch dann nicht enthüllt, wenn keine Dollars geflossen wären, beteuert ihr Direktor Leonard Egert. Der Grund sei, dass sich die Zeuginnen Anonymität ausbedungen hätten.

Gewerkschaft steht vor einem Scherbenhaufen

Nach dem Aus für den Vergleich folgt die Gewerkschaft ihrem gängigen Prozedere: Sie hat ein Disziplinarverfahren gegen den Weltstar eingeleitet. Wird er für schuldig befunden, drohen ihm eine Geldstrafe oder der Ausschluss aus dem Verband. Susan Davis, Anwältin der AGMA, beklagt das Scheitern der Übereinkunft: "Wir hätten jetzt eine strukturelle Lösung für ein strukturelles Problem gehabt. Stattdessen ist sie gesprengt worden, und uns bleibt keine Wahl, als Disziplinar-Hearings abzuhalten, bei denen die Zeugen entweder erscheinen oder auch nicht." Außerdem sei "unklar, ob Domingo einvernehmlich eine Strafe zahlen würde, sollte diese verhängt werden. Es ist auch ungewiss, ob er überhaupt bei einem Hearing auftritt." Eine Untersuchung gegen Domingo wurde übrigens auch im Vorjahr an der Oper von Los Angeles eingeleitet. Die Ergebnisse stehen noch aus.

Offen ist auch, ob Domingo im Sommer bei den Salzburger Festspielen singen wird. Die Verträge für zwei konzertante Aufführungen von "I vespri siciliani" sind zwar unter Dach und Fach. Das Festival lässt sich nun aber alle Optionen offen. Es sei den Festspielen ein Anliegen, "keine Vorverurteilungen zu treffen", heißt es in einer Presseerklärung. Die Lage habe sich aber durch Domingos öffentliche Entschuldigung geändert. "Die Salzburger Festspiele wollen zunächst umfassende Informationen zum Fortgang der in den USA laufenden Untersuchungen einholen und danach ihre Entscheidung der Presse bekanntgeben."