Wer denkt bei Goethes "Faust" nicht unmittelbar an Fritzl? Buch und Bauch, Straße und Sprache, Haus und Maus - alles eins, weil alles ohnedies nur eine Frage der Assoziation ist.

Gretchen im Gefängnis in Goethes "Faust" - da denkt Elfriede Jelinek den Fall Fritzl mit seinen in den Keller gesperrten Opfern gleich mit, das nächste Assoziationskettchen führt von der sexuell ausgenützten Frau zum Feminismus, das nächste Assoziationskettchen zum Antikapitalismus und zur Bankenkritik, und schon absolviert die Autorin ihr gewohntes Repertoire: Kalauer erhebt sie zum Wortgewitter, Wortgewitter reduziert sie auf Kalauer. Rhetorik, die eine Brücke zwischen Euripides und Volker Pispers baut - keine Golden Gate, aber immerhin eine Pontonbrücke. Das ist auch etwas wert.

Im Theater freilich zählt nur die eine Frage: Funktioniert das auf der Bühne oder nicht?

Eine Übernahme

Die beantwortet Regisseurin Bérénice Hebenstreit im Volx Margareten mit einem eindeutigen Ja. In die Trümmer von Goethes "Urfaust"-Text, gelesen, nicht gespielt von Günter Franzmeier, interpoliert sie zuerst den Jelinek-Text wie einen süffisanten Kommentar, eine vorsichtige Übermalung folgt, dann schließlich die Übernahme. Feindlich oder freundlich - das bleibt die Frage.

Denn dass Goethes Text auch im verbeultesten Zustand (den Franzmeier so virtuos liefert wie den trockenen Lesetonfall) Jelineks Suada rein literarisch in den Schatten stellt - geschenkt, für diese Erkenntnis bedürfte es nicht des szenischen Exempels.

Ivan Bazak hat die Bühne entworfen: Küche rechts, Sitzgruppe links, schäbig, die hilflose Verhübschung mit Zimmerpflanzen verströmt kleinbürgerliche Muffigkeit des Spießbürgeridylls.

Bérénice Hebenstreit überzeugt in ihrer Inszenierung mit ungeheuer starken Bildern: Zwei Frauen und ein Mann, hier Mephisto samt Geistern, dort Stimmen für Jelineks Text, gefangen in einem Kreislauf der Sinnlosigkeiten. Beklemmend die Kellerszenen, brillant die feinen Clownerien mit ihren absurden Ritualen. Da scheint es, als würde Bérénice Hebenstreit weniger an die Jelinek denken als an Daniil Charms, der mit absurdem Witz über Abgründe balancierte.

Freilich muss das alles auch auf der Bühne erspielt werden. Das gelingt höchst unterschiedlich. Am besten trifft Steffi Krautz den ironischen Tonfall, gerade, weil sie ihm den Nachdruck verweigert. Sebastian Pass gefällt in den Jelinek-Texten besser als in den Mephisto-Bruchstücken, die mehr angeeignet als erfüllt wirkten. Nadine Quittner fällt stark ab: Viele Textunsicherheiten gehen Hand in Hand mit einer Darstellung, die weder einnimmt noch interessiert. Erst bei ihrem Schluss-Rap (Musik von Kathrin Kolleritsch und Oliver Cortez) taut sie auf, bleibt aber auch da viel zu zahm. Diese Nummer müsste dem Zuschauer mit Tigerpranken ins Gesicht fahren, nicht mit Katzenpfoten.

Dass der Abend, trotz vieler Unebenheiten, in seiner Gesamtheit punkten kann, liegt an der Regisseurin Bérénice Hebenstreit und an dem Textexperiment selbst. Jelinek als Goethe-Infiltration mag zwar passen wie der Faust auf’s Aug’ - aber eineinhalb Stunden Nachdenkstoff ist auch nicht zu verachten. Das Publikum jedenfalls hat’s eindeutig gemocht.