Theatermacherin und Regieprofessorin am Max Reinhardt Seminar, Anna-Maria Krassnigg, ruft in Wiener Neustadt ein neues Theater ins Leben. Eröffnet wird mit Shakespeares kaum gespieltem Werk "König Johann" am 5. März. Die "Wiener Zeitung" traf die Theatergründerin während den Endproben.

"Wiener Zeitung":Wie kam es zur Theatergründung in den Kasematten in Wiener Neustadt?

Anna Maria Krassnigg:Es war Zufall. Klaus Schneeberger, Bürgermeister von Wiener Neustadt, sprach mich am Rande einer Premiere an, ob ich mir vorstellen könnte, in seiner Stadt Theater zu machen. Wann passiert einem schon so etwas? Da wir mit der "Wortwiege" am Thalhof bereits die Grenzen des Wachstums erreicht hatten, lag ein Neuanfang nahe. Wir haben mehrere Räumlichkeiten besichtigt und den Kasematten bin ich sofort verfallen.

Anna Maria Krassnigg. - © A. Klem
Anna Maria Krassnigg. - © A. Klem

Kasematten sind unterirdische Befestigungsanlagen, was ist daran bühnentauglich?

Es sind drei wunderschöne, erstaunlich helle Gewölbegebäude, entstanden im Spätmittelalter und jüngst erstklassig renoviert. Wenn man sich auf die Stimmung der Räume einlässt, etwas mit und nicht gegen die geschichtsträchtigen Mauern erzählt, landet man unweigerlich bei der Antike oder eben in der Renaissance, die die Proportionen der Antike nachahmt. Da ist man dann bald beim besten Dramatiker aller Zeiten: Shakespeare.

Das 100. Shakespeare-Festival?

Keineswegs. Mich interessiert das Narrativ des Königsdramas von Ödipus über Shakespeare bis hin zu Olga Flor und "Game of Thrones". Unter dem Motto "Bloody Crown" bauen wir auf diesem Paradigma einen mehrjährigen Zyklus auf. Inspiriert von Stephen Greenblatts feinsinniger Shakespeare-Polemik "Der Tyrann" erkunden wir die Macht, ziehen Parallelen zwischen heutigen Polit-Akteuren und berüchtigten Herrschern im Zeitalter Shakespeares. Wir eröffnen die Spiele mit Shakespeares kaum bekanntem Königsdrama "König Johann".

Es gibt meist gute Gründe, warum Stücke selten gespielt werden.

Das stimmt. Shakespeare ist bei diesem Frühwerk dramaturgisch noch nicht ganz auf der Höhe seines Könnens, es kommt zu rasanten, nicht immer begründeten Figuren- und Szenenwechsel. Glücklicherweise habe ich eine großartige Übersetzung und teilweise Überschreibung von Friedrich Dürrenmatt gefunden, mit der sich hervorragend arbeiten lässt. "König Johann" ist ein Politspiel der Mächtigen, eine schwarze Komödie mit beunruhigenden Absurditäten. Übrigens gibt es auch einen Bezug zu Wiener Neustadt: Mit dem Lösegeld von Richard Löwenherz wurde die Stadt gegründet.

Am 12. März folgt mit der Dramatisierung von Olga Flors Roman "Die Königin ist tot" die zweite Premiere.

Olga Flor gehört zu den bemerkenswertesten heimischen Autorinnen, ich schätze ihre Bücher ungemein und "Die Königin ist tot" passt einfach wunderbar, ist es doch eine moderne Adaption von Shakespeares "Macbeth". Die Feldherren von einst sind die Anzugskrieger und Funktionsträger von heute.

Ihre Theateraufführungen werden von Gesprächsreihen flankiert. Was interessiert Sie an dem Austausch?

Wir wollen dabei aus dem Elfenbeinturm heraustreten und anwendbare Erkenntnisse für die Gegenwart formulieren. Die Gespräche kuratiert und moderiert Wolfgang Müller-Funk.

Was erhoffen Sie sich für Ihr Theater in Wiener Neustadt?

2020 ist ein Auftaktjahr. Ab 2021 ist der übliche Dreijahresvertrag - möglicherweise mit einer Bespielung, die über den Festivalblock hinausgeht - geplant. Mir gefallen die Aufbruchstimmung und Solidarität in Wiener Neustadt wahnsinnig gut. Ich habe den Eindruck, dass die Stadt kulturell noch nicht so übersättigt ist wie Wien. Wir wurden hier so offen und freundlich aufgenommen worden, wie noch nie zuvor.