Angst, Verfolgungswahn, Paranoia. Ob, ganz aktuell, vor Viren, Flüchtlingen oder eben auch dem Fremden im eigenen Bett - Ulrike Syha dekliniert in ihrem mit dem Hamburger Literaturpreis 2019 ausgezeichneten Stück "Der öffentliche Raum" so ziemlich jede Form unserer postpostmodernen, durchdigitalisierten, dystopiengetränkten Gegenwart. Ihre sehr heutigen Antihelden sind eine Frau und ein Mann: vereint durch eine Ehe, von der man gleich zu Beginn im szenischen Schnellverfahren erfährt, dass keinem der beiden so richtig klar ist, warum man sich einst füreinander entschieden hat. Getrennt durch eine - bereits in den Text eingeschriebene - Wand der ideologischen Differenzen.

Während der Mann, ein Anwalt, ausgelöst durch einen absurden Vorfall in einem öffentlichen Bus und angetrieben von den Versprechungen einer versnobten Juristenelite in das paranoide rechte Lager abdriftet, versteigt sich die Frau, eine frustrierte Soziologin, in radikal anarchische Slogans, die sie vorerst im nächtlichen virtuellen Raum, bald schon auch im echten Leben hinausschreit.

Wenn sich die Wand am Ende des Stückes öffnet, tut sie dies nur, um die beiden durchradikalisierten Protagonisten im weltanschaulichen Menschheitskrieg der finalen Konfrontation zuzuführen. So plakativ schon allein der Text ist, so wenig kann diesem Sandra Schüddekopfs Regie trotz zahlreicher Anstrengungen - wie einem sprechenden Computerprogramm, einem Katzenvideo und finalem Theaternebel, etwas entgegensetzen. Hier wird illustriert, was "Anonymus" schon lange weiß: Willkommen im Postanthropozän.