Turbulent - wenn ein Wort die "Pinocchio"-Inszenierung des Theater Liberi am besten beschreibt, dann ist es wohl dieses. Von der ersten Szene an entwickelt das Musical ein hohes Tempo, das die sechs Schauspieler in dreizehn Rollen zwei Stunden lang (inklusive Pause) durchhalten, auch wenn neben viel Dramatik und noch mehr Slapstick auch ein bisschen Nachdenklichkeit Platz findet. In erster Linie aber wirbeln Pinocchio (René Britzkow zeigt enorme Spiel- und Hermutobe-Freude) und die Grille (Clarissa Elena Frings ist einfach brillant) durch ein Abenteuer, in dem das kleine Holzpüppchen mehr als einmal aug die lange Nase fällt, bevor es doch noch ein richtiger Junge wird.

Fuchs und Kater legen Pinocchio rein . . . - © theater-liberi.de
Fuchs und Kater legen Pinocchio rein . . . - © theater-liberi.de

Dabei sorgt schon die erste Szene für große Kinderaugen, wenn Geppetto (Dennis Fischer ist vor allem auch als raubeiniger Puppenspieler Feuerfresser beeindruckend) den Holzkorpus in eine Kiste legt, der kurz darauf ein lebendiger Pinocchio entsteigt. Und auch die Nase, die mehrmals wächst und schrumpft, ist ein kleiner Gag mit großer Wirkung. Das Staunen bei den Kindern im Publikum ist mindestens so groß, wie ihr Lachen in den lustigen Szenen laut ist. Für die sorgen auch der fiese Fuchs (Svenja Baumgärtner) und der räudige Kater (Piero Ochsenbein), die neben Pinocchio am lautesten sind mit ihrem Hyänenlachen oder erschrockenen Quietschen. Die drei treiben es jedenfalls am wildesten - was mitunter auch etwas gar penetrant ist. Aber Gott sei Dank sorgt die Blaue Fee (Lisa Siegel strahlt viel Herzenswärme aus) für ein gutes Ende, nachdem Regisseurin Carolin Pommert ihre sechs sehr überzeugenden Darsteller immer und immer wieder über die Bühne getrieben hat.

. . . was die Grille verzweifeln lässt. - © theater-liberi.de
. . . was die Grille verzweifeln lässt. - © theater-liberi.de

Die Musik von Christoph Kloppenburg und Hans Christian Becker (inklusive Fünf-Achtel-Takt-Juwel und mit klugen Texten aus der Feder von Helge Fedder) und Pommerts Choreografie machen einfach Spaß, dazu kommen liebevoll gestaltete Kostüme und Maske von Annette Pfläging und Mia Kolen sowie ein einfaches, aber wirkungsvolles Bühnenbild (Beata Kornatowska). 

Was die schauspielerische und tänzerische Leistung betrifft, so gibt es bei keinem der sechs Darsteller etwas zu bemängeln. Denn selbst Britzkows teilweise sehr stark übertrieben gespielter Pinocchio ist irgendwie stimmig in dieser doch recht wilden Inszenierung. Den Kindern taugt es jedenfalls, wie er die Grille mit seiner holzköpfigen, naiven Sturheit immer wieder in den Wahnsinn treibt, um gleich darauf lautstark den nächsten Fehler zu bereuen und sein Puppendasein zu bejammern. Ebenso, wie sie zwar genau wissen, dass Fuchs und Kater böse sind, sie aber doch auch irgendwie sehr cool finden. Insgesamt ist dieses Musical wohl eine der besten Produktionen im aktuellen Repertoire des 2008 gegründeten Theater Liberi, das in der laufenden Saison noch bis April an etlichen deutschen Bühnen gastiert (insgesamt werden in dieser Spielzeit seit Oktober vier Ensembles mit ebenso vielen Stücken mehr als 400 Bühnen mit mehr als 450 Aufführungen bespielt haben), bevor es in die Sommerpause geht. Man darf sich schon auf nächsten Herbst freuen.