Nicht mehr als 500 Menschen bei Outdoor-, nicht mehr als 100 bei Indoor-Veranstaltungen: In der Kultur-Szene sorgt der neue Erlass der Bundesregierung für bisher ungeahnte Leerläufe.

Der Vorhang bleibt geschlossen: Die Wiener Großbühnen sind vorerst bis Ende März lahmgelegt. Die Bundestheater (Burg- und Akademietheater, Staatsoper und Volksoper) sagen bis Ende März sämtliche Vorstellungen ab, das betrifft auch die Uraufführung von Franzobels "Der Leichenverbrenner" im Akademietheater am Freitag (13. März) und die "La Piaf"-Ballett-Premiere (28. März). Die Tickets der Bundestheater werden zurückerstattet. Das Theater in der Josefstadt sagt ebenfalls bis Ende März im Haupthaus sowie in den Kammerspielen alle Aufführungen ab, auch die für Donnerstag (12. März) geplante Uraufführung "Geheimnis einer Unbekannten" findet nicht statt. Offen ist derzeit, ob die "Konzert"-Premiere am 2. April stattfinden kann.

Leere Ränge in der Staatsoper, traurige Aussichten im Wiener Kulturleben. - © apa/Schlager
Leere Ränge in der Staatsoper, traurige Aussichten im Wiener Kulturleben. - © apa/Schlager

Bis auf Weiteres sagt auch das Volkstheater sämtliche Vorstellungen in der Halle E ab. In den Spielstätten Volx/Margareten und in den Bezirken werden die Kapazitäten auf 99 Sitzplätze reduziert. Fragen zu bereits gekauften Karten beantwortet das Kartenservice unter 01-52111-400.

"Große Herausforderung"

Die Wiener Mittelbühnen gehen mit der Situation unterschiedlich um: Das Schauspielhaus reduziert mit sofortiger Wirkung das Fassungsvermögen auf 99 Plätze, spielt aber weiter. "Wir nehmen die Situation ernst und warten die weiteren Entwicklungen ab", sagt Schauspielhaus-Intendant Tomas Schweigen. Ähnlich geht das Kabarett Niedermair vor, das genau 100 Sitzplätze hat. Um inklusive Personal und Künstler unter der Grenze zu bleiben, werden die verkauften Plätze reduziert.

In kleinere Bühnen wie Drachengasse, Off und Kosmos Theater und Dschungel passen selbst bei voller Auslastung weniger als 100 Zuschauer, diese Bühnen halten am Spielbetrieb fest. Die aktuellen Premieren im Off und Kosmos Theater finden wie geplant statt. Auch das Vienna English Theatre hält den Premierentermin für "Next to normal". "Wir überlassen die Entscheidung unseren Gästen", heißt es aus dem Theater. Der Rabenhof stellt hingegen den Betrieb ein, auch das Theater in der Gumpendorfer Straße (TAG) bleibt geschlossen, die Premiere am Freitag (13. März) wird wohl abgesagt werden. "Wir halten das knappe Unterschreiten der erlaubten 100 Personen für zynisch", sagt der kaufmännische Geschäftsführer Ferdinand Urbach. "Es geht im Moment darum, soziale Aktivitäten etwas herunterzufahren."

Auch das Theater der Jugend schließt seine Pforten, die Premiere "Frühlings Erwachen" wird verschoben. "Wir stehen vor großen organisatorischen Herausforderungen", sagt Pressesprecherin Elisa Weingartner, "und hoffen, dass wir den Betrieb bald wieder aufnehmen können." Wie mit bereits gekauften Karten in der spielfreien Zeit umgegangen wird, ist noch nicht geklärt, eine Aussendung des Bühnenvereins soll demnächst Auskunft geben.

Ohne Publikum

Das Konzerthaus bleibt bis Ende März geschlossen. So weit es geht, sollen Veranstaltungen auf Ersatztermine verschoben werden. Sollte ein Konzert ersatzlos gestrichen werden müssen, kann man innerhalb von sechs Monaten das Geld für das Ticket rückerstatten lassen. Ähnlich ergeht es dem Musikverein, auch hier müssen Konzerte abgesagt werden.

Die Wiener Stadthalle sagt alle Termine im März ab, darunter das Santana-Konzert am 20. März. Zumindest für "Masters of Dirt" wurde bereits ein Ersatztermin gefunden (26. und 28. Juni). Beim Konzertveranstalter von Arcadia Live, die unter anderem Arena und Grelle Forelle bespielen, sind 25 Termine betroffen, man ersucht, sich über die jeweiligen Facebook-Events zu informieren. Sowohl bei Stadthalle als auch Arcadia werden Tickets für abgesagte Veranstaltungen rückerstattet.

Der 101. darf nicht rein

Bei den Wiener Kinobetreibern hat der Erlass zunächst die Frage aufgeworfen, wie genau die Formulierung zu verstehen sei: "Heißt das, dass wir nur mehr 100 Personen in die Kinosäle einlassen dürfen und einfach den Sitzabstand zwischen den Personen vergrößern?", fragt Michaela Englert, die das Admiral-Kino betreibt. Sie gehöre ohnehin nicht zu den Betroffenen, da das Kino nur 76 Sitzplätze aufweise - allerdings säße man bei vollem Hause hier dicht an dicht. "Unsere Sonderveranstaltungen sind nach wie vor sehr gut gebucht, nur im regulären Kinobetrieb ist derzeit eher Flaute", so Englert, die den Besucherrückgang unter anderem auf die Angst vor dem Coronavirus zurückführt.

Beim Votivkino, dem gleichzeitig auch das DeFrance und der Filmverleih Filmladen angeschlossen sind, gibt man sich noch abwartend, bis der genaue Wortlaut des Erlasses bekannt ist. "Das Votivkino hat zwei Säle, wo weniger als 100 Plätze zur Verfügung stehen", sagt Marketing-Chefin Sarah Stross. "Wir haben bis dato überhaupt keine Infos, wie wir damit umgehen sollen, und müssen abwarten. Fix ist jedenfalls: Premieren mit vollem Haus wird es unter diesem Erlass jedenfalls nicht geben können. Hinzu kommt: Gerade für die kleineren Kinos, die vor dem Sommer ihr Geschäft machen müssen, ist diese Lage natürlich besonders schwierig."

Vor allem, weil auch die Filmverleiher inzwischen zögerlich reagieren, was neue Filmware betrifft: Etliche Starts der großen Verleiher wurden aus Angst vor zu wenig Besuchern bereits auf Sommer oder Herbst verschoben, darunter auch der neueste James-Bond-Film. Weniger neue Filme in den Kinos bedeuten zugleich einen geringer werdenden Besucherstrom - ein Teufelskreis.

Im Österreichischen Filmmuseum in der Albertina bleibt der Betrieb vorerst aufrecht: "Aufgrund der aktuellen Gefahr von Krankheitsübertragungen begrenzen wir die verfügbare Ticketzahl je Vorstellung auf unter 100 Plätze. Darüber hinaus kommt es in unserem Spielbetrieb vorläufig zu keinen weiteren Einschränkungen", posteten die Betreiber auf Facebook.

Ähnlich reagiert der Marktführer unter den Kinobetreibern, die Constantin Gruppe mit ihren Cineplexx-Kinos. "Aufgrund der heutigen Pressekonferenz gehen wir davon aus, dass sich die neuen Empfehlungen der Regierung bei uns auf die Menge an Personen pro Film-Vorstellung und jeweiligem Saal beziehen. Wir haben daher bereits erste Maßnahmen ergriffen: Während die Anzahl der Vorstellungen unverändert bleibt, beschränken wir die Anzahl der Plätze für eine Vorstellung auf unter 100 Personen. Darüber hinaus bleiben jeweils Sitze zwischen den verkauften Plätzen frei, um einen größeren Abstand zwischen den Gästen zu gewährleisten", sagte eine Sprecherin.

Der Erlass betrifft auch das Filmfestival Diagonale in Graz, das vorerst vollständig abgesagt werden muss. "Uns sind die Hände gebunden", hieß es aus dem Diagonale-Büro.

Museen warten ab

Museen bleiben vorerst geöffnet - allerdings mit Betonung auf vorerst. Ohnehin sei ein Rückgang bei den Besuchern zu bemerken, heißt es etwa aus dem Kunsthistorischen Museum.

Deutliche Rückgänge beim Kartenverkauf spüren freilich auch die zahlreichen Veranstalter von Touristenkonzerten, das sind klassische Walzerkonzerte mit Tanzeinlagen und Gesang, im Palais Palffy finden die Veranstaltungen in dieser Woche statt, allerdings werden nur unter 100 Besucher eingelassen. Schließungen sind möglich.

Die Osterfestspiele in Salzburg starten Anfang April und konnten bei Redaktionsschluss noch nicht sagen, ob der Erlass auch Auswirkungen auf ihre Veranstaltungen haben werde.

Auch die Jubiläumsausgabe der Rauriser Literaturtage (25. bis 29. März) fällt dem Virus zum Opfer - die 50. Ausgabe wird auf 2021 verschoben. Die NÖ Kulturwirtschaft GesmbH (NÖKU) - unter anderem Festspielhaus St. Pölten und diverse Museen - geht von "maßgeblichen Absagen aus. Das Festspielhaus hat die Aufführung von "Rose von Stambul" am Mittwoch ersatzlos gestrichen. Auch von Museumsschließungen wird ausgegangen. Die weitere Vorgangsweise woll Mittwoch mittag bekanntgegeben werden.(pat/greu/cb)