Der Schauspieler und Kinderbuchautor Erich Schleyer sprach anlässlich seines 80. Geburtstags (am 1. März) mit der "Wiener Zeitung" über sein bewegtes Leben.

Erich Schleyer: "Ich habe mir die gute Laune bewahrt." - © Ondra
Erich Schleyer: "Ich habe mir die gute Laune bewahrt." - © Ondra

"Wiener Zeitung":Sie sind in Dresden geboren, haben Sie Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg?

Erich Schleyer: Die Bombardements habe ich jahrzehntelang verdrängt, obwohl sie mich mein Leben lang geprägt haben, bis heute fühle ich mich bei Gewitter wie gelähmt. Da ist ein Gefühl von Angst und Ohnmacht, tief im Körper vergraben. Mit dem Alter sind die Erinnerungen und Schreckensbilder wieder hochgekommen - die hektischen Fluchten in die Luftschutzkeller, bei denen ich mehr als einmal einen Schuh verloren habe, die abgebrannten Häuser, die Bombentrichter, die Phosphor-Leichen, die im Fluss getrieben sind. Zwei Mal war unsere Wohnung nach einem Angriff völlig abgebrannt. Was in Dresden passierte, war schrecklich, aber es muss deutlich gesagt werden: Die Nazis haben die Welt angegriffen, das Leid von Dresden darf nicht instrumentalisiert werden, da bin ich dagegen. Manchmal frage ich mich, wie ich bei all dem, was ich erlebt habe, so optimistisch bleiben konnte? Ich habe mir die gute Laune bewahrt und bin ein positiv denkender Mensch geblieben.

Wie waren die Nachkriegsjahre?

Hungrig! Eine Scheibe Brot mit Sirup drauf war eine Delikatesse. Als Kind wollte ich Koch werden, damit ich meinen Hunger stillen konnte, wann immer ich wollte.

Wie kamen Sie auf die Idee, Schauspieler zu werden?

Ich war nie in einem Theater, das war viel zu weit weg, aber einmal im Monat machte ein fahrender Kinovorführer in unserem Dorf Station, da habe ich Blut geleckt. Meine Mutter hat mich unterstützt, weil sie selbst einmal zur Bühne wollte und es ihr verboten wurde. Beim ersten Mal habe ich die Aufnahmsprüfung nicht bestanden, wahrscheinlich habe ich zu viel herumtheatert. Was wusste ich schon vom Theater? Ich war ein Dorfkind, fast zwei Meter lang und spindeldürr! Angefangen habe ich zunächst als Bühnenarbeiter - Malerei, Tischlerei, ich habe alles gemacht und dabei das Metier kennengelernt. Beim zweiten Anlauf wurde ich in die Theaterhochschule Leipzig aufgenommen. Ich fühlte mich wie ein König.

Sie sind im Dorf Berka/Werra aufgewachsen, nahe der innerdeutschen Grenze und Sperrzone, wie haben Sie die DDR erlebt?

Wir wussten damals nicht viel über das Spitzelwesen der Stasi, aber ich hatte immer schon Angst vor Obrigkeiten - leider nicht unbegründet. In den 1950er Jahren wurde bei uns hart durchgegriffen: Einige Bauern aus der Umgebung haben sich nach der Enteignung ihres Grunds und Bodens erhängt, ein Cousin wurde abgeholt und ist spurlos verschwunden, erst viel später haben wir erfahren, dass er in dem berühmt-berüchtigten Moskauer Kerker erschossen wurde, das hat die Familie zerstört. Seit ich denken kann, wollte ich in den Westen.

Wie ist Ihnen die Flucht gelungen?

Im Juli 1968 bin ich nach einem Gastspiel in Düsseldorf nicht mehr zurückgekehrt, 13 Menschen wussten davon, weil ich meine Sachen vorher verteilt habe, alle haben dichtgehalten. Ein Segen!

Wie haben Sie in Westdeutschland Fuß gefasst?

Ich war voller Energie und Tatendrang, sofort hatte ich ein Engagement in Düsseldorf. Dann bin ich nach Köln und habe beim Fernsehen mitgemischt. Am Thalia Theater habe ich mit George Tabori gearbeitet, bei ihm habe ich die wichtigste Lektion eines Schauspielers gelernt: Dasein, sich nicht hinter Tricks verstecken, bei sich sein, im Moment sein. Klingt einfach, aber dahinter steckt harte Arbeit. Meine Laufbahn als Schauspieler war eine Achterbahn, ein ewiges Auf und Ab.

Von Anfang an haben Sie auch Programme für Kinder entwickelt - im Fernsehen, auf der Bühne, als Märchenerzähler und Buchautor. Was bedeutet Ihnen die Arbeit für ein junges Publikum?

Mir gefällt die unverstellte Neugier der Kinder, ich fühle mich dabei wohl, es macht mir Spaß, ich bin gern der Märchenerzähler. Jedem Intendanten habe ich ein Kinderprogramm aufgedrängt - damals ein Novum.

Eine Ihrer Glanzrollen am Wiener Schauspielhaus war Frank-N-Furter in der "Rocky Horror Show".

Der berühmte Straps-Träger, das hängt mir bis heute nach! Dabei wollte ich die Rolle erst gar nicht spielen. Ich konnte kein Englisch, wusste nichts von Rock’n’Roll, fühlte mich zu alt. Dann habe ich gearbeitet wie nie zuvor. Wenn es eine Zweitbesetzung gegeben hätte, wäre ich am Tag der Premiere davongelaufen. Und dann hat die Aufführung eingeschlagen wie nur. Die Leute standen Schlange um Eintrittskarten. In der Zeit habe ich keine andere Rolle angenommen, habe nur dafür gelebt.

Kommen mit dem Alter auch Gedanken an den Tod?

Ich bin heute viel gelassener und lockerer als jemals zuvor, ich muss niemanden mehr etwas beweisen. Ich möchte noch vieles Erleben, überall sein! Aber ich habe auch keine Angst vor dem Tod.