Renovierung, Umbau, Ausweichspielstätte, Finanzprobleme, Direktionswechsel - im Volkstheater Wien hat schon bisher eine Ausnahmesituation geherrscht. Doch was die Mitarbeiter des Hauses in den vergangenen Tagen erlebten, ist nochmals eine andere Dimension. Mitten drinnen: die mit Saisonende scheidende Intendantin Anna Badora. Ein Abschieds-Gespräch der anderen Art.

Zunächst schloss man nur die Ausweichspielstätte in der Halle E des MuseumsQuartiers und wollte wenigstens den Spielbetrieb in den Bezirken und im Volx/Margareten aufrechterhalten. Lange hielt man das nicht durch. Heute, Donnerstag, wurde nun auch die Produktion "Körper-Krieg" von Armin Petras abgesagt - "aufgrund von behördlichen Anordnungen und der Fürsorge für die Mitarbeiter/innen".

"Wir können im Moment alle nur auf Sicht fahren; noch am vergangenen Freitag waren wir zum Beispiel entschlossen, mindestens einige kleinere Produktionen für das Volx/Margareten unter Einhaltung der Sicherheitsmaßnahmen weiter zu proben", so Anna Badora. "Vor allem denke ich da an 'Körper-Krieg' von Armin Petras, bei der Petras bereits mit der Regie begonnen hatte und eine begeisterte Arbeitshaltung bei den fünf Schauspieler/innen auslöste. Wir hatten auch vor, einige unserer in der Halle E laufenden Vorstellungen neu und in entsprechender Qualität aufzuzeichnen, um sie dann der Öffentlichkeit als Stream zur Verfügung zu stellen. Am Sonntag zwang uns die neue Entwicklung dazu, alles abzusagen. Es ist besonders bitter in meiner letzten Spielzeit, da es sich nicht um eine Verschiebung, sondern um unwiderrufliche Ausfälle handelt. Die Halle E und damit die Möglichkeit, größere Inszenierungen zu zeigen, haben wir nur noch bis zum 25. April."

Auch ohne Virus-Krise finanziell schwierig

Noch rechne man damit, den Betrieb in der laufenden Saison wieder aufnehmen zu können, doch selbst, wenn der Spielbetrieb nach der derzeit geltenden Verordnung tatsächlich am 3. April, 12 Uhr, wieder gestartet werden könne, belaufen sich die entgangenen Kartenerlöse auf einen mittleren sechsstelligen Betrag - ein Desaster für die ohnedies bereits extrem angespannte finanzielle Situation des Hauses. Und all das fügt sich ein in das Resümee der Intendantin, das auch ganz ohne Coronavirus sehr ernüchternd ausfällt: "Die künstlerische Arbeit am Volkstheater fand in einem permanenten kräftezehrenden und zum ständigen Überschreiten aller Grenzen zwingenden Ausnahmezustand statt, der durch äußere Umstände wie Werkstättenschließung, Sanierungsplanung und -durchführung, permanenter Kampf um jeden Euro wegen unzureichenden Budgets aber auch lähmenden inneren Strukturen verursacht wurde."

Wichtig ist Badora festzuhalten: "Ich bin mit meiner Programmierung ein hohes künstlerisches, aber trotz aller geschilderten Umstände niemals ein wirtschaftliches Risiko eingegangen. Es war ein täglicher Kampf um jeden Cent. Mit auch nur einer Million mehr Budget hätten wir, zumindest aus finanziellen Gründen, die Werkstättenschließung vermeiden können. Die große mediale Aufregung um die angeblich zu vielen Schließtage betrafen dabei nur einen Tag mehr pro gesamte Produktion. Heute überlegt mein designierter Nachfolger, wie der Presse zu entnehmen ist, nur viermal in der Woche zu spielen und vor jeder Premiere mindestens eine Woche zu schließen. Was auch immer die Zukunft für das Volkstheater bringt - dass jetzt erst vieles möglich scheint, um das wir fünf Jahre vergeblich gekämpft haben, macht uns zu einem Wegbereiter, auch wenn diese Rolle für mein Team und mich sehr undankbar ist."

"Große Undurchsichtigkeit  der vorhandenen Strukturen"

Sie habe sich "mit dem Haus intensiv beschäftigt, bevor ich das Angebot annahm", blickt Badora zurück. "Normalerweise reizen mich solche Herausforderungen. Aber es ist von außen im Vorfeld sehr schwer, alle Probleme eines solchen großen Hauses zu erkennen. Die offenbarten sich dann auch erst nach und nach." Vor allem "die große Undurchsichtigkeit der vorhandenen Strukturen" oder Betriebsvereinbarungen, deren Ausmaß ihr erst nach und nach bewusst wurde, hätten ihr zu schaffen gemacht. Dazu kommt fehlender Rückhalt seitens der Politik. "Durch den häufigen Wechsel der politisch Verantwortlichen ist es uns unmöglich gewesen, längerfristig eine echte unterstützende Partnerschaft für unser Konzept, für das Volkstheater, aufzubauen. Wie denn auch? Permanenter Wahlkampf, auch innerparteilich, zwingt die Politiker in ein Hamsterrad, der Energien für Sacharbeit absorbiert. Die Politiker müssen heute erhebliche schauspielerische Leistungen vollbringen und bedienen sich dabei uralter Theatermittel wie des kreativen Umgangs mit der Realität und Fakten. Ihre Hauptpriorität sind Wählerstimmen, nicht Inhalte."

Dabei habe sie durchaus Rückhalt beim Publikum verspürt, erzählt Badora. Für einzelne Regisseure und Regisseurinnen wie Viktor Bodo und Yael Ronen hätten sich "richtige Fanclubs" etabliert gehabt, allerdings, konzidiert die Theaterleiterin, hätte der Zuspruch nicht ausgereicht, das große Haus zu füllen, 400 bis 450 Besucher pro Vorstellung seien natürlich zu wenig gewesen. "Aber ohne vorübergehende Zuschauerverluste ist eine langfristig angelegte Erneuerung des Publikums kaum möglich. Diesen Prozess kann man aber nur durchhalten, wenn Unterstützung da ist, von der Politik und den Medien. Diese wurde uns nicht gewährt."

Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Zuständen

Dass Badora ihre Arbeit dennoch als Erfolg wertet, erklärt sie so: "Eine ausschließlich ergebnisorientierte Haltung lässt keine Entwicklungsprozesse zu. Natürlich hätten wir gerne mehr Zuschauer gehabt. Aber wenn man unsere Zuschauerschichten an der Abendkasse genau analysiert, dann sieht man: Das waren zum Teil Leute, die nie zuvor im Theater waren. Viele junge, auch mit Migrationshintergrund." Man habe sich in vielen Produktionen mit gesellschaftlichen Zuständen auseinandergesetzt und neue Arbeitsweisen und Formate ausprobiert, die in den vergangenen fünf Jahren erlebten Umbrüche auf der Bühne und in unzähligen hervorragend besuchten Diskussionen kritisch begleitet und kommentiert. Dass dieser inhaltliche Weg der Richtige gewesen sei, davon ist Anna Badora nach wie vor überzeugt. Und dass sie am Ende ihrer Intendanz die Sanierung schließlich auf den Weg gebracht und das Bewusstsein der Politik für die finanzielle Schieflage des Hauses geweckt habe, lässt sie erhobenen Hauptes Abschied nehmen: "Wir wissen, dass wir den Weg bereitet haben, das Haus in die Zukunft zu führen."