Die Zwangspause macht erfinderisch. Seit einigen Jahren wird bekanntlich kontrovers diskutiert, ob staatlich geförderte Bühnen auch kostenloses Streaming ihrer jeweiligen Aufführungen anbieten sollten - oder eben nicht. Die Fronten verliefen bislang so: Demokratisierung der Hochkultur versus technische Reproduzierbarkeit, Live-Erlebnis kontra flaches Bildschirm-Flackern. Hallo? Kümmert sich noch jemand darum?

Dieser Tage stellen so viele Bühnen und Kunstschaffende wie nie zuvor ihre Arbeiten im Internet zur Verfügung, fast täglich gehen Absagen von Premieren mit neuen Online-Optionen einher. Die allermeisten Angebote sind vorerst sogar kostenlos - zumindest, bis an den Bühnen der reguläre Spielbetrieb wieder aufgenommen wird.

Den Anfang machte das Aktionstheater. Die freie Theaterformation mit Sitz in Vorarlberg und Wien, die sich mit energetischen Polit-Performances einen Namen gemacht hat und zu den innovativsten freien Theatergruppen des Landes zählt, zeigt auf der Homepage www.aktionstheater.at eine Reihe ihrer preisgekrönten Inszenierungen. Das Programm unter dem Titel "Streamen gegen die Einsamkeit" wechselt alle zwei Tage und läuft vorerst bis 29. März. "Aufgezeichnete Theaterproduktionen sollen und können das Live-Erlebnis Theater nicht ersetzen", bekennt Intendant Martin Gruber. "Mögen diese Aufzeichnungen dem einen oder der anderen die Zeit in den Wohnzimmern verkürzen, oder auch die Vorfreude auf gemeinsam erlebte Theaterabende wecken."

Shakespeare ohne Schließzeit

Michael Niavarani reagierte ebenfalls früh. Der Theatermacher und Impresario des Wiener "Globe Theater" in der Marx Halle stellt sämtliche Globe-Vorstellungen unentgeltlich im eigens eingerichteten Video-Streaming-Dienst player.globe.wien zur Verfügung. Eine gute Gelegenheit, um das Spiel "Die höchst beklagenswerte und gänzlich unbekannte Ehetragödie von Romeo und Julia" kennenzulernen, Niavaranis freie Komödienbearbeitung von "Romeo und Julia" mit Sigrid Hauser und Otto Jaus in den Titelrollen. Shakespeare ohne Schließzeit.

Im grassierenden Online-Boom nimmt das Internetportal nachtkritik.de eine zentrale Rolle ein. Die deutsche Plattform, bekannt für umfassende Theaterberichterstattung aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, hat einen eigenen Kanal eröffnet, um ausgewählte Theateraufführungen in voller Länge durch die diversen digitalen Schleusen zu schicken; des Weiteren sammelt nachtkritik.de Streaming-Angebote diverser Bühnen, Plattformen und Künstler. Das Angebot erweitert sich praktisch täglich, viele freie Gruppen und regionale Bühnen sind dabei, aus Österreich beispielsweise das Landestheater Vorarlberg samt seiner jüngsten Premiere und das Grazer Theater im Bahnhof mit älteren Arbeiten. nachtkritik.de präsentiert laufend aktualisiertes Bühnengeschehen, die Logenplätze vor dem Bildschirm sind rund um die Uhr verfügbar. Theaterschauen ohne Termin! Die allermeisten Bühnen geschlossen, dennoch so viel Theater wie selten zuvor.

Neu am Start ist die Berner Plattform Spectyou. Theaterschaffende, Tänzer, Performerinnen können hier Aufführungen hochladen, um sich und ihre Arbeit im Netz zu präsentieren. Für die Kunstschaffenden ist Spectyou unentgeltlich; wer sich Darbietungen ansehen will, muss allerdings ein Abo lösen (das erste Halbjahr für fünf Euro). Gründerin Elisabeth Caesar: "Wir schaffen einen neuen zentralen Ort im Netz. Wir verstehen das auch als eine Art der Demokratisierung: Kleine Institutionen stehen gleichberechtigt neben großen. Man kann alle Arbeiten gleichermaßen verfolgen, sich mit Akteuren vernetzen." Spectyou geht nun vorzeitig online, gewissermaßen im Probemodus mit überschaubarem Angebot. Vorbild ist die US-amerikanische und ausnehmend gut bestückte Plattform On the Boards. Die Einrichtung mit Sitz in Seattle ist weltweit vor allem mit Performance-Festivals vernetzt. Hier lässt sich durchs Angebot browsen, man kann einzelne Aufzeichnungen kostenpflichtig ausleihen oder erwerben. Bislang richtete sich die Initiative vor allem an Universitäten, Schauspielschulen, Kuratoren, Festivalbetreiber - kurzum: Theatergeher, die von Berufs wegen mit der Branche zu tun haben.

Die Hochkultur im Wohnzimmer

Marktführer im Theater-Streaming-Business ist noch immer das Londoner Medienunternehmen http://www.digitaltheatre.com
" target="_blank" title="">Digital Theatre. Seit gut zehn Jahren produziert die Firma für mehr als 30 Bühnen in Großbritannien - darunter die Royal Opera, die Royal Shakespeare Company und das Londoner Symphony Orchestra - Aufführungen und vertreibt sie über die Online-Plattform Digital Theatre, die ähnlich wie Netflix funktioniert: Gegen eine monatliche Gebühr lässt sich gleichermaßen endlos schauen.

Beim Ausloten digitaler Möglichkeiten ist übrigens die Klassikbranche federführend. Angesichts sinkender Plattenverkäufe gingen viele Bühnen von Weltrang bereits vor Jahren dazu über, ausgewählte Aufführungen online zur Verfügung zu stellen. In Wien haben nicht nur die Staatsoper, sondern auch das Theater an der Wien und die Kammeroper Aufführungen im Bildschirmformat im Programm; der Probemonat ist kostenlos, danach kann man unter diversen Abo-Angeboten wählen. Die New Yorker Metropolitan Opera hat sich entschlossen, derzeit ohne Gebühr die Rechnernetze zu bedienen. Eine einmalige Gelegenheit, um Klassiker wie "Carmen", "La Bohème" und "La Traviata" zu sehen, die zumeist in großen Kinosälen gezeigt werden. Der Pianist Igor Levit trägt viel Freude in die Wohnzimmer: Täglich ab 18 oder 19 Uhr spielt er via Twitter Hauskonzerte.

Die Streitfrage scheint entschieden. Open-Data-Kultur und reales Theaterleben harmonieren durchaus nebeneinander. Der unfreiwillige Bühnenentzug macht aber auch sicher: Theater kann durch nichts ersetzt werden.