Eigentlich wäre Sascha Grammel gerade mit seinem neuen Programm "Fast fertig!" auf Deutschland-Tour. Doch das Coronavirus hat seinen Terminplan durcheinandergebracht, weshalb er nun daheim die Krise aussitzt. Dafür hatte er Zeit für ein Telefonat mit der "Wiener Zeitung", in dem er darüber sprach, wie es ist, wenn man als Bauchredner mit Sprechpuppen auf der Bühne steht.

"Wiener Zeitung": Herr Grammel, wie verbringen Sie die Zeit in der erzwungenen Isolation durch die Corona-Krise?

Sascha Grammel: Ich mache jetzt die Dinge, zu denen ich sonst nicht komme. Ich habe zum Beispiel mein Lager aufgeräumt, was ich schon seit Monaten vor mir hergeschoben habe. Aber natürlich würde ich jetzt lieber auf der Bühne stehen, so wie alle anderen Kollegen auch. Und ich glaube, auch die Menschen da draußen bräuchten jetzt erst recht ein bisschen Spaß. Man darf aber natürlich nicht verdrängen, was da mit uns passiert, und es ist wichtig, dass wir uns alle an die Maßnahmen halten. Umso schneller kann wieder die Normalität einkehren.

An anderen Tagen ist es der rotzfreche Vogel Frederic Freiherr von Furchensumpf. - © Panta Management GmbH
An anderen Tagen ist es der rotzfreche Vogel Frederic Freiherr von Furchensumpf. - © Panta Management GmbH

Einige Kollegen streamen jetzt Impro-Programme.

Ich habe schon darüber nachgedacht. Ich habe ja ganz viele Kollegen, die sich einfach irgendwo hinsetzen und irgendwas Witziges erzählen. Da tue ich mir schwerer. Ich schreibe ja doch bis zu zwei Jahre an meinen Texten, bis die so lustig sind. Ich bin da anders im Schaffensprozess. Mich jetzt einfach so vor die Kamera zu setzen, würde wahrscheinlich nicht so gut funktionieren. Vielleicht ist auch mein Anspruch da zu hoch. Aber ich habe mir in der Tat schon Gedanken gemacht, was ich tun könnte, um ein bisschen Freude zu verbreiten. Ich hatte ja gerade eine Fernsehaufzeichnung, bereits ohne Zuschauer - das war schon sehr skurril. Es hat sich sehr, sehr seltsam angefühlt.

Brauchen Sie ein Publikum zum Spielen?

Ja, ich bin ein Bühnenkünstler. Dabei hatte ich früher große Ängste. Man kann ja tausend Sachen falsch machen: den Text vergessen, den Mund der Puppe falsch bewegen, in die falsche Kamera schauen. Aber man verliert diese Ängste irgendwann, wenn man darauf eingeht. Indem man zum Beispiel ganz offen zur Puppe sagt: "He, du hast jetzt was gesagt, ohne den Mund zu bewegen!" Und sie dann antworten lässt: "Ich kann auch bauchreden." Wenn man Fehler als Angebot annimmt, etwas daraus zu machen, dann können daraus schöne Momente werden. Es sitzen ja auch vor einem Menschen, die gar nicht wollen, dass die Show aalglatt von vorne bis hinten durchläuft.

Wie schizophren muss man als Puppenspieler sein, um so witzige Dialoge führen zu können?

Es ist schon ein bisschen schizophren. Für den Betrachter verschwimmen sicher die Grenzen, aber wenn man es selbst macht, kann man gar nicht abschalten, denn es ist ja eine hohe Kunst: Man bedient mit der Hand eine Mechanik, im besten Fall synchron zu den Mundbewegungen, dann muss man noch für den anderen überlegen, was man antwortet, und dazu noch so tun, als hätte man es selbst noch nie gehört. Da läuft wahnsinnig viel parallel, und man muss sich echt konzentrieren. Aber was ganz oft passiert, und das mache ich auch sehr gerne, ist, dass ich mir selbst eine Frage stelle, auf die ich keine Antwort habe.

Das passiert dann spontan?

Ja, manchmal auch aus der Not heraus, weil mir der eigentliche Text gerade nicht einfällt. Und dann muss ich halt einfach reagieren. Manchmal ist so ein Impro-Teil so lustig, dass er dann im Programm drinnen bleibt. Mitunter sind diese Fehler sogar lustiger als der ursprüngliche Text. Aber natürlich ist die Idee schon, die Show so durchzuspielen, wie ich sie geübt habe. Aber ich bin halt auch nur ein Mensch, und da passiert vieles.

Ihre Programme sind vor allem ulkig. Haben Sie auf der Metaebene auch inhaltliche Ansprüche?

Ich möchte den Menschen in erster Linie zwei Stunden lang Spaß schenken. Deswegen habe ich auch ganz bewusst keine aktuellen Bezüge. Wenn die Türen zugehen und das Licht ausgeht, hat man zwei Stunden Ruhe von dem ganzen Kram da draußen. Natürlich wäre es für mich einfacher, wenn ich die Zeitung aufschlagen und aus den Überschriften eine Show machen würde. Und ich bin mir sicher, dass es auch zum Coronavirus bald das eine oder andere Comedy-Programm geben wird. Aber das möchte ich eben gerade nicht. Ich möchte, dass mein Publikum - und ich selbst auch - einfach einmal abschalten und Urlaub machen kann. Das andere ist, dass ich es geschafft habe, Programme zu schreiben, in denen alle nett miteinander umgehen. Ich weiß nicht, ob man das als Botschaft sehen kann, für mich ist es jedenfalls selbstverständlich, dass ich meine ganzen kleinen Puppen wie Freunde behandle. Der eine kann den anderen mal in die Pfanne hauen, aber es wird nie bösartig. Es verlässt nie ein gewisses Niveau.

Da Sie keine Gefühle verletzen können: Haben Sie eine Lieblingspuppe?

(lacht) Das ist ja sogar Thema der aktuellen Show, weil mich Frederic das auch fragt, und dann geht es ganz schön los. Aber ich muss sagen: Es ist jeden Abend eine andere Puppe. Es gibt Tage, wo ich selbst eher frech und direkt bin, da spiele ich den schrägen Vogel Frederic am liebsten. Dann gibt es sentimentalere Tage, wo ich die ruhigeren Nummern mit der Schildkröte Josie lieber habe. Oder ich bin gerade skurril, dann ist mir Herr Schröder oder Professor Hacke näher. Und die neuen Puppen wie Achim Spironsik, das Känguru, muss ich noch richtig kennenlernen. Das braucht immer Zeit, bis man merkt: Wie ist der eigentlich, wie reagiert der? Das ist auch spannend, weil man da immer wieder etwas Neues entdeckt.


Wenn man jetzt die Zeit daheim nutzen will, um Bauchreden zu lernen, welche Tipps können Sie da geben?

Das Wichtigste ist Üben - und Machen. Also sich trauen und sich einfach mal mit der Socke in der Hand hinstellen und vor Publikum etwas ausprobieren. Da bekommt man gleich ein Feedback und holt sich Sicherheit: Was funktioniert, was nicht? Man muss auch Scheitern aushalten lernen. Auch bei mir sind zuerst ganz viele Momente, die gar nicht so witzig sind, bis ein Programm lustig ist. Das darf man nicht auf sich beziehen: Die Leute finden nicht mich doof, sondern den Witz, und den muss ich halt austauschen. Und dann muss man halt das Bauchreden lernen. Aber wenn ich es geschafft habe, schaffen es die anderen auch (lacht).

Wie lange haben Sie dafür gebraucht?

Ich habe ein Jahr lang gelernt, aber wirklich überall, sogar beim Autofahren und in der Dusche. Am besten übt man mit einer Videokamera. Besonders schwierig sind die Labiallaute V, W, P, B, M und F, die muss man neu lernen, da ersetzt dann die Zunge die Unterlippe. Vor allem die Explosivlaute sind mit Zunge und Zähnen in der Tat schwierig, aber da hilft es auch, wenn man zum Beispiel einfach ein P denkt. Die Vokale muss man auch ein bisschen anpassen.

Sie spielen hoffentlich von 2. bis 6. Juni in Österreich. Gibt es einen Ort abseits der Spielstätten, den Sie bei Ihrem Aufenthalt hier nicht auslassen wollen?

Ich habe ja in Österreich immer das Gefühl, dass ich hier auf Urlaub bin. Insofern möchte ich keinen Ort auslassen. Ich habe Wien in unfassbar toller Erinnerung, als ich da zum ersten Mal vor der Stadthalle stand, und meine Show war zweimal ausverkauft. Dabei bin ich bloß ein kleiner Bauchredner aus Berlin-Spandau, der die ersten dreißig Jahre seiner Bühnenkarriere im kleinen Kulturhaus vor dreißig Leuten gespielt hat, und jetzt kommen so viele Menschen freiwillig und schauen sich meine Show an, das kann man manchmal gar nicht so begreifen. Das ist das größte Geschenk überhaupt.•