Das Zeitfenster war denkbar klein: Große Theater, Opernhäuser und Museen waren schon geschlossen, die Ausgangsbeschränkungen allerdings noch nicht in Sicht. Und die "Fidelio"-Produktion im Theater an der Wien so gut wie fertigt geprobt. Eine Premiere vor Publikum war nicht mehr denkbar, als sich das Opernhaus dazu entschloss, zumindest die geplante TV-Aufzeichnung der Regiearbeit von Christoph Waltz zu retten – vor einem leeren Haus natürlich.

Die dabei entstandenen Bilder, die der ORF am Freitag Nacht ausstrahlte, wirken - obwohl erst ein paar Tage alt – wie ein Gruß aus längst vergangener Zeit. Noch dazu ein besonders symbolträchtiger.

Zu einem Symbol wird dieser "Fidelio" schon allein durch seine äußeren Umstände: Beethovens einzige Oper, zu Ehren seines 250. Geburtstages angesetzt, wird auf Österreichs Bühnen für einige Zeit die letzte live gespielte Oper gewesen sein. Und er wird wohl die erste Premiere bleiben, die ausschließlich digitale Zuseherinnen und Zuseher hat – sie war schließlich nur via TV oder Stream zu sehen.

Musik als Schutzzone vor Fallzahlen und Epdemiekurven

Weiter Symbolkraft bezieht diese TV-Produktion daraus, dass sie Musik, ja Kunst eine ihrer wichtigsten Funktionen zurückgibt, die einer Oase, eines Rückzugsortes – im konkreten Fall eines Schutzraumes vor ständig steigenden Fallzahlen und omnipräsenten Epidemiekurven. Oper als Fokussierung in Zeiten der Überflutung und noch viel mehr: als Entschleunigung einer nach wie vor nach Informationen hechelnden Nachrichtengesellschaft.

Dass sich dieser seelische Erholungsort überhaupt öffnen konnte, das lag vor allem an Dirigent Manfred Honeck, der sich am Pult der Wiener Symphoniker viel Zeit nahm, um Beethovens berückend schöne Musik erblühen zu lassen. Ohne Eile und doch mit dramatischer Dichte durchschritt er die Partitur bis zum strahlenden Finale. Vor allem in den fein gearbeiteten Ensembles spürte er dem feinen Zusammenspiel der einander tragenden Linien nach und ließ sie wie Zeitlupenstudien verwirrter oder gequälter Seelenzustände erblühen – ohne Pathos und ohne unnötige Zuspitzungen.

Symbolisch für eine isolierte Menschheit gefangen im Kerker: Eric Cutler als Florestan - © Theater an der Wien/Monika Rittershaus
Symbolisch für eine isolierte Menschheit gefangen im Kerker: Eric Cutler als Florestan - © Theater an der Wien/Monika Rittershaus

Nicht nur Honecks Lesart macht diesen "Fidelio" auch zu einem Sehnsuchtsort, zu einem Sinnbild für das, was uns jetzt schon fehlt – nämlich Kunst hautnah und live zu erleben, im selben Raum zu sein, wenn Noten im Klingen zugleich entstehen und entschwinden. Zu einem hohen Gut, das wir, wenn diese Krise überstanden sein wird, vielleicht alle noch ein Stück mehr werden schätzen können.

Der Kerker als Sinnbild der allgegenwärtigen Isolation

Die beängstigendste und doch zugleich tröstendste aller Symboliken steckt jedoch in diesem einmaligen Werk selbst. Nicht ein zürnender König oder verschmähter Liebhaber stehen hier im Zentrum, Nein: ein Idealist im Kerker und die Liebe seiner Frau, die ihn daraus rettet.

Die räumliche Isolation, die derzeit beinahe die ganze Menschheit in die eigenen vier Wände einschließt, lässt den Beinahmen "Freiheitsoper", den das Werk schmückt, noch stärker strahlen. Auch der Gefangenenchor (wunderbar: der Arnold Schoenberg Chor) wird hier zur Klage einer ganz realen Menschheit. Der sonst meist abstrakt bleibenden Kerker Florestans entpuppt sich als Sinnbild für eine Situation, die zum Alltag Vieler geworden ist, wird zum Symbol der Isolation, der Beschränkung der eigenen Bewegungsfreiheit.

Die Welt sitzt im Kerker. In der Oper ist die Rettung aus dem Kerker klar: Liebe und Treue, Tapferkeit und Edelmut sowie die Zuversicht und Konsequenz, die sich daraus ergeben. Zugegeben spielt auch das richtige Timing, also eine Portion Glück eine Rolle. Doch, und das bleibt die zentrale Botschaft dieses Abends: Es gibt ein Entkommen, der Hoffnungsschimmer dringt tief ein auch in den düstersten aller Kerker. Liebe und Gerechtigkeit obsiegen und vertreiben alle Dunkelheit. Selten wirkte dieser humanistische Schlusspunkt, den Beethoven hier setzt stärker als vor der aktuellen Situation.

Monumental und monoton

Die Leistung der einzelnen Beteiligten schmälert diese Symbolkraft keineswegs. Sie stehen lediglich im Dienste einer größeren Botschaft: Nicole Chevalier als lyrische Leonore, Melissa Petit als quirlig leidenschaftliche Marzelline, Eric Cutler als viriler, glasklarer Florestan, Christof Fischesser als mild väterlicher Rocco, Benjamin Hulett als jugendlich aufbrausender Jaquino sowie Gabor Bretz als mächtiger Don Pizarro und Karoly Szemeredy als guter Don Fernando.

Einheitsbühne und Einheitskostüme: Die Inszenierung des "Fidelio" im Theater an der Wien wirkt monumental wie monoton. - © Theater an der Wien/Monika Rittershaus
Einheitsbühne und Einheitskostüme: Die Inszenierung des "Fidelio" im Theater an der Wien wirkt monumental wie monoton. - © Theater an der Wien/Monika Rittershaus

Dass Regisseur Christoph Waltz, selbst Oscar-prämierter Schauspieler, an der Personenführung gefeilt und mit den Sängern intensiv gearbeitet hat, kommt in der TV-Aufzeichnung mit ihren vielen Nahaufnahmen wohl besser zur Geltung als im Theater selbst. Das kann man vom durchaus eindrucksvollen Bühnenbild des amerikanisch-deutschen Architekturbüros Barkow Leibinger nicht sagen. Die sich windende schier endlose weiße Treppenlandschaft erschlägt und dominiert jede Totale. Zumindest im Fernsehen vermittelt dieser kahle Einheitsraum Monumentalität wie Monotonie. Die grau-braunen Einheitsuniformen aller Figuren (Judith Holste) tun hier ihr übriges, einzig die Lichtregie von Henry Braham bringt etwas Abwechslung.

Es gibt ein jenseits der Isolation

Was das Regiekonzept von Christoph Waltz jenseits intensiver Personenpsychologie und gestellter Tableaus in diesem kargen Raum eigentlich vermitteln will, wird nicht klar – es ist an diesem jedenfalls außergewöhnlichen Abend aber auch nicht so wichtig.

Es gibt ein Jenseits der Isolation, Liebe und Zuversicht weisen den Weg dorthin. Das sonst oft als weltfremd belächelte Pathos der Oper, es knüpft an diesem Abend so unmittelbar an die Realität jedes Einzelnen an, dass es beinahe weh tut. Getragen von den berückend schönen Klängen Beethovens kann die Musik jenseits von schicken Roben, rotem Plüsch und klirrenden Champagnergläsern auf den heimischen Sofas wieder einer ihrer Kernaufgaben nachkommen: nämlich Trost und Hoffnung zu spenden.