Die Kabarettisten lassen einen derzeit nicht im Stich. Digital sorgt die Zunft für dringend benötigte humoristische Ablenkung. So auch Josef Hader, der jetzt auf einem Videoportal seine Programme zum Gratis- Streamen freigeschalten hat.

"Wiener Zeitung": Wie geht’s Ihnen denn daheim?

Josef Hader: Mir geht’s gar nicht so anders, weil ich hab für das Frühjahr sowieso eine große Schreibphase geplant gehabt. Für ein neues Programm. Deswegen musste ich auch nur wenige Auftritte absagen. Aber viele andere Kollegen und Kolleginnen haben viel absagen müssen und haben schon ein Problem.

Wie ist Ihre Homeoffice-Disziplin?

Wenn man öfter zuhause schreiben muss, gibt’s gewisse Rituale, die hat man eingeübt, da ist die Disziplin nicht so schlecht. Ich trink immer zuerst vorher einen faden Tee und dann mach ich mir einen Kaffee, und der heißt, dass ich jetzt zum Schreiben anfange. Der Kaffee ist quasi die Belohnung dafür, dass ich’s jetzt angeh. Was ich auch gern mache, dass ich mich zum Schreiben in ein Kaffeehaus setz, um "in die Arbeit zu gehen", das geht leider jetzt nicht.

Fehlt Ihnen nicht die Menschenbeobachtung jetzt?

Nein, Menschen beobachtet man eh die ganze Zeit. Meine Arbeit funktioniert nicht so, dass ich wie ein Dokumentarfilmer unter Menschen gehen muss und mir da ganz viel abschau. Ein Programm entsteht ja nicht so unmittelbar, da hat man erst eine Grundidee im Kopf, mit der geht man eine Zeit lang herum, die muss einen nach ein paar Monaten immer noch begeistern. Und wenn es dann dazu kommt, das Programm zu schreiben, hat man eh schon genug gespeichert. Das ist ja eine Mischung aus Fantasie und Dingen, die man erlebt hat.

Wird sich die derzeitige Situation auch auf das Programm auswirken?

Die eine Auswirkung ist, dass es hoffentlich gut wird, weil ich wenig abgelenkt bin. Das Programm kommt aber erst Anfang nächsten Jahres heraus. Da wird man dann hoffentlich eher zurückschauen auf den Virus und sich mit seinen Folgen beschäftigen.

Können Sie sich wirklich besser konzentrieren? Vielen fällt es schwerer, weil die Sorge ablenkt.

Ich bin derzeit in der glücklichen Lage, mir nicht so viele Sorgen machen zu müssen. Ich merke, dass die Konzentration schwieriger wird, weil mich besonders wenig ablenkt. Und wenn dann eine kleine Ablenkung daherkommt, wird sie plötzlich riesengroß.

Mit Ihrem jetzt freigeschalteten Videoportal sorgen Sie dafür, dass man sich mit Lachen ablenken kann. Ist Lachen jetzt besonders wichtig?

Ich denk mir, es ist im normalen Leben so und erst recht in einer Krise, dass Humor hilft. Das hat uns der Bundespräsident sehr schön vermittelt mit seinem asiatischen Gruß, da hab ich mir gedacht, siehst, der weiß genau, dass Humor in so einer Situation nicht fehlen darf. Er ist ja unser aller Präsident, also auch das Oberhaupt der österreichischen Kabarettisten, da kann ich mich dem nur anschließen, was er sagt.

Verstehen Sie die Klopapierpanik?

Das haben eh alle schon erklärt, die Fachleute haben gesagt, das kommt von der Machtlosigkeit und dem Bedürfnis, irgendwas gegen diese Machtlosigkeit zu tun. Ich war auch machtlos, aber ich hatte genug Klopapier und hab außerdem immer viele Nudeln und Sugos im Haus, weil ich so gern nach Italien fahr und von dort immer was mitnehm. Deswegen hab ich die gereizte Stimmung nicht so mitgekriegt. Jetzt finde ich eigentlich, dass ein sehr freundlicher Umgangston herrscht, dass auch eine Wertschätzung durchkommt für die Leute, die da an der Supermarktkassa sitzen.

Was tun Sie gegen die Machtlosigkeit?

So ein Projekt, an dem man arbeitet, strukturiert den Tag ganz gut. Schwieriger wär’s auch, wenn man allein wär. Wenn man zu zweit ist oder in der Familie, kann es auch schwierige Momente geben, aber in Wirklichkeit ist es viel leichter als allein. Ich kann nur empfehlen, dass man sich irgendwas sucht, was man sonst nicht machen würde, dass die Krise sozusagen für irgendwas gut ist. Wenn ich nix zu schreiben hätte, würde ich mir wahrscheinlich ein paar Bücher hernehmen, die ich schon lang lesen wollte, so Wälzer zum Eintauchen. Das wär bei mir "Anna Karenina".

Mich erinnert diese Zeit bissl daran, wie es früher war, vielleicht noch vor einem Jahrhundert im Winter in Bauernhöfen, wo der Schnee so hoch war, dass man gar nicht hinauskonnte, und man hat dann Sachen ausgebessert, hat versucht, sich alle möglichen Arbeiten zu suchen, ist beieinander gesessen und hat geredet miteinander. Das empfinden wir jetzt 100 Jahre später als sehr beschaulich, vielleicht sollten wir einen Teil dieser Romantik für unsere eigene Situation aufbringen. Und sich fragen, was kann ich grad lernen draus - zum Lernen gibt’s ja viel...

Was würden Sie lernen?

Insgesamt würd ich mir denken: Vielleicht ab jetzt mehr regionale Produkte kaufen, Meetings, wo man extra wo hinfliegt, per Video erledigen, brav ORF-Gebühren zahlen, das ist wichtig, dass man einen unabhängigen ORF und gute Zeitungen hat. Ich würd mir denken, Glück gehabt, dass wir so ein gutes Gesundheitssystem haben. Und ich würde daran zweifeln, dass der Staat wirklich immer schlanker werden muss, wie uns das die Diätexperten von der liberalen Wirtschaft immer einreden wollen. Ideal wäre auch, wenn die Leute lernen könnten, ein bissl weniger zu motschkern, solang’s ihnen gut geht. Dass man in einem Internetforum einmal was Positives zu lesen bekommt. Aber das ist wahrscheinlich die Unrealistischste aller Hoffnungen...

Im Ankündigungsvideo für Ihren Player erzählen Sie, dass Sie viele Onlinegottesdienste gestreamt haben und dass das auch hilft. Ein Scherz, aber mit wahrem Kern?

Ich hab nur in einen hineingeschaut, weil der Papst ja jetzt immer bei seiner Morgenmesse übertragen wird, und hab bemerkt, dass er dasselbe Mikrofon benützt wie vorher die Klosterschwester, die die Lesung macht, und der andere Pfarrer, der das Evangelium liest. Er hält auch nicht den gesetzlichen Mindestabstand ein. Der Papst gehört halt auch ein bisschen zu den alten störrischen Herrschaften, die sich denken, mir passiert eh nix.

Man ist jetzt plötzlich in massenhaft WhatsApp-Gruppen und Co und hat vielleicht mit manchen mehr Kontakt als vorher - ist Ihnen das auch aufgefallen?

Bei mir ist es eher, dass ich am Abend ein paar Leute anrufe. Leute, wo man weiß, die können nicht so gut aus dem Haus, das versuch ich zu machen, weil plötzlich mehr Zeit ist und man sich sonst eh die Zeit nicht nimmt.

Gehören Sie auch zu den Leuten, die schon vorher eigentlich Social-Distancing-Pioniere waren?

Ich muss immer lachen bei "Social Distancing", weil ich an den Artikel der "Tagespresse" denken muss, wo zu dem Thema verschiedene Leute zu Wort kommen und ein Verteidiger der Wiener Austria sagt, das ist kein Problem für ihn, weil sie eh nie nah zum Gegner hingehen. Die "Tagespresse" ist für mich auch etwas, auf das ich aufmerksam machen möchte, weil da kann ich persönlich jeden Tag lachen. Ich bin ja an sich Künstler, da ist es halt üblich, dass man sich ein bissl mehr umarmt. Aber Menschen, die den üblichen Mindestabstand nicht einhalten, die also ganz nah an meinem Gesicht sind, die gehen mir auch ohne Corona-Krise ziemlich auf den Wecker.

In meiner WhatsApp-Gruppe gab es eine Meldung von einem Psychiater, der sagt, man muss sich nicht bei ihm melden, wenn man jetzt mit Tieren und Alltagsgegenstände zu sprechen beginnt. Ein Thema bei Ihnen?

Ich hab leider die Angewohnheit, oft mit mir selber zu sprechen. Daher brauch ich keine Gegenstände.

In einem Ihrer Lieder fordern Sie: "Topfpflanzen, bitte, geht’s spazieren!" Nicht mal die dürfen jetzt mehr raus, oder?

Stimmt, ja. Obwohl, Pflanzen und Tiere sind eigentlich die, die am sorglosesten spazieren gehen können. Man merkt’s auch in der Stadt: Dadurch, dass weniger Autoverkehr ist, kommen die Krähen näher. Ich war gestern kurz spazieren auf der Friedensbrücke und da waren Krähen, die sind am Geländer gehockt, ganz unverschämt nah den Menschen, und haben uns interessiert betrachtet beim Vorbeigehen. Wahrscheinlich haben sie sich gedacht, "So, jetzt kommen die auch einmal dran."