"Das kann ich mir einmal anschauen, wenn ich wochenlang zu Hause herumsitzen sollte." Genau genommen kann sich Lukas zwar für die entlegensten Opern begeistern. Nur fügte sich Iwan Dzerschninskis Oper "Der stille Don" gerade nicht in sein von diversen Einengungen wie Vorträgen und Einführungstexten beschränktes Hörkonzept.

Das war Anfang Jänner dieses Jahres, als alles anders war und man höchstens wegen des allfällig unwirtlichen Wetters nicht auf die Gasse ging.

Zumal die Oper des Russen eine Angelegenheit für Spezialistenan ist: Das durchaus bühnentaugliche Werk mit saftigen Arien und saftigeren Chören wurde von Stalin als Modelloper des sozialistischen Realismus‘ gepriesen und gegen Dmitri Schostakowitschs weit überlegene "Lady Macbeth aus Mzensk" ausgespielt. Der Rest ist Musikgeschichte. Schostakowitschs Werk überlebte, Dzerschinskis verschwand.

Gian Carlo Menotti (l.) schrieb Opernthriller der Sonderklasse. Sein Sohn Francis (r.) veröffentlicht vieles davon auf YouTube.  - © APAweb /AFP
Gian Carlo Menotti (l.) schrieb Opernthriller der Sonderklasse. Sein Sohn Francis (r.) veröffentlicht vieles davon auf YouTube.  - © APAweb /AFP

Aber nicht ganz. Der YouTube-Fund einer konzertanten Aufführung war ein Erlebnis, vielleicht weniger wegen der Oper selbst, als aus musikgeschichtlichen Gründen. Obwohl: Gar so übel ist das "Der stille Don" wahrhaftig nicht.

Vor allem aber war dieser "Stille Don" die Initialzündung. Wenn diese Oper auf YouTube herumgeistert – dann vielleicht auch eine von Dzerschinskis Landsmann Tichon Chrennikow. Und wie steht es um den Argentinier Alberto Ginastera und und und…

Carl Orffs Märchenopern "Der Mond" und "Die Kluge" begeistern als Fernseh-Verfilmung und als Marionettenspiel. - © Hans Holdt/wikimedia
Carl Orffs Märchenopern "Der Mond" und "Die Kluge" begeistern als Fernseh-Verfilmung und als Marionettenspiel. - © Hans Holdt/wikimedia

Nicht nur Klassiker

Dass YouTube ein kleines Paradies für Opernliebhaber sein kann, ist nichts Neues. Da finden sich die Wagner- und Verdi-Klassiker in zahlreichen Produktionen mit und ohne Video einer szenischen Aufführung. Mozart, Rossini, Bellini – alles da, was das Herz begehrt manches in erzkonservativen Regiearbeiten, manches in Umdeutungen, die schon einmal die Stirne in fragende Falten legen. Auch die Klassiker des neueren Repertoires braucht man nur in die Suche einzugeben, schon findet man Bergs "Wozzeck" und "Lulu" und Schönbergs "Moses und Aron". Man kann sämtliche Opern von Leos Janácek und Igor Strawinski abrufen, und Benjamin Britten, längst zum große Nachkriegs-Opernklassiker aufgestiegen, ist mit allen szenischen Werken vertreten.

Aber wie sieht es mit den Opern aus, die man vielleicht schon immer hören wollte, weil man darüber in einem Opernführer eine interessante Bemerkung gelesen hat, die aber längst nicht mehr im Repertoire sind? - Gerade da ist das Opern-Angebot am spannendsten. Denn fast scheint es, als sei jede Oper irgendwo einmal aufgeführt und mitgeschnitten worden. Endstation Youtube – zur Freude aller Opernliebhaber, für die es neben den Klassikern noch Hörenswertes gibt.

Rodion Schtschedrin und Maja Plissezkaja: Der russische Komponist schrieb für seine Frau Ballette. Für die Opernbühne komponierte er Gogols "Tote Seelen". - © APAweb /APA/AFP/Alexander Nemenov
Rodion Schtschedrin und Maja Plissezkaja: Der russische Komponist schrieb für seine Frau Ballette. Für die Opernbühne komponierte er Gogols "Tote Seelen". - © APAweb /APA/AFP/Alexander Nemenov

Wäre nicht gerade jetzt die Zeit, um auf solche Entdeckungsreisen zu gehen? Immer noch besser als im Fernsehnetz herumzappen oder von früh bis spät an den Corona-Live-Tickern sämtlicher erreichbarer Medien zu hängen. Im Folgenden ein (im Vergleich zum Angebot) winziger Überblick über das ausgefallene Operndasein auf der Videoclip-Plattform. Vermerkt sind hier übrigens ausschließlich szenische Produktionen, die, zumindest im Moment, nicht auf DVD oder Blue-Ray erhältlich sind. Sollten die Aufnahmen auf mehrere Clips aufgeteilt sein, führt der Link immer zum Beginn. Die weiteren Akte finden sich in der Regel bei den automatisch generierten Vorschlägen für das nächste Video.

Hans Werner Henze überzeugt mit seiner Kammeroper "Elegie für junge Liebende". - © APAweb /APA/dpa/Roland Weihrauch
Hans Werner Henze überzeugt mit seiner Kammeroper "Elegie für junge Liebende". - © APAweb /APA/dpa/Roland Weihrauch

Um bei den Russen zu bleiben: Tichon Chrennikow, übel beleumundet als KPdSU-Parteimann und neiderfüllter Intrigant gegen Schostakowitsch, war selbst wohl kein genialer, aber ein tüchtiger Komponist, wie seine (freilich allzu parteipolitisch motivierte) Oper "Im Sturm" zeigt. Seine "Dorothea" nach Richard Sheridans "Duenna" fällt hingegen etwas operettig aus, und wegen der Sprechszenen macht das Werk wohl nur dann Vergnügen, wenn man ein wenig Russisch kann. Armen Tigranjans "Anusch" hat ihre besten Momente in den Volksszenen, die mit armenischer Folklore gespickt sind. Russischen Futurismus der gewagtesten Art bietet Michail Matjuschin in seiner Oper "Der Sieg über die Sonne". Das Werk ist in seiner Originalgestalt nicht erhalten, aber die Rekonstruktion lässt ahnen, mit welchen gezielten Schocks der Komponist und seine Mitarbeiter, der Maler Kasimir Malewitsch und der Dichter Welimir Chlebnikow, das Publikum attackierten.

Alberto Ginastera verstand es, kompromisslos moderne Klangsprache mit spannenden Stoffen zu verbinden. - © Annemarie Heinrich/wikimedia
Alberto Ginastera verstand es, kompromisslos moderne Klangsprache mit spannenden Stoffen zu verbinden. - © Annemarie Heinrich/wikimedia

Rodion Schtschedrin ist der prägende Komponist der Nach-Schostakowitsch-Generation. Verheiratet mit der Jahrhundert-Ballerina Maja Plissezkaja, schuf er Ballett-Meilensteine wie "Anna Karenina" und "Carmen-Suite". Schtschedrin ist stilistisch vielgestaltig, man kann bei ihm Neoromantisches ebenso finden wie die Avantgardenähe, etwa in seiner Gogol-Oper "Die toten Seelen", die in einer grandiosen Aufführung des Mariinski-Theaters St. Petersburg ihre ganze Sprengkraft entfalten - obwohl, zugegeben, manch Zuschauer die unweigerliche Reklameunterbrechung für eine Zahnpasta herbeisehnen wird. Für Freunde des Belcanto ist diese Oper ebensowenig Stoff wie Schostakowitschs "Nase": Dieses geniale expressionistisch-polystilistische Frühwerk, das heute so neu klingt wie zu seiner Entstehungszeit in den Zwanzigerjahren, kann man in einer grandiosen Aufführung der Moskauer Kammeroper erleben.

Virtuelle Opern-Weltreise

Verlassen wir Russland - mag sein, mit einem tränenden Auge. Aber es gibt ja noch so viel zu entdecken. Einer der spannendsten Kanäle dafür ist Opera Vision, wo im ganz regulären Streaming Aufführungen aus aller Herren Länder zu finden sind, und zwar sowohl von den normalen Repertoire-Klassikern als auch von dem entlegeneren Repertoire, das hier das Thema ist, etwa "Violanta" von Erich Wolfgang Korngold, "Frühlingsstürme" von Jaromir Weinberger, "Der ferne Klang" von Franz Schreker. Unbedingt das Angebot durchstöbern, man kommt aus dem Staunen nicht heraus. Und ein Tipp: Brittens "The Turn of the Screw" in der Aufführung der Opera North ist so ziemlich das beste, was es an Produktionen dieses Gespensterthrillers gibt.

Brittens Komponistenkollege und Landsmann Michael Tippett komponierte nach einem eigenen Libretto eine seltsame Oper über ein Hochzeitsritual in einem magischen Wald. Die Verfilmung von "The Midsummer Marriage" ist perfekt.

Als wär's von Hitchcock

Der Italoamerikaner Gian Carlo Menotti schrieb nicht nur stets seine eigenen Texte, er entwickelte auch die Handlungen selbst. Das Ergebnis sind wahre Opernknüller. Das Spannungspotenzial dieser Werke war dermaßen hoch, dass Alfred Hitchcock einmal anfragte, ob der Dichterkomponist nicht einmal ein Drehbuch für den Suspense-Meister schreiben wolle. Menottis Sohn betreut auf YouTube das Menotti-Archiv, wo man nicht nur die Thriller "Der Konsul" und "Das Medium" findet, sondern auch die bittere Liebesgeschichte "Maria Golovin" und die symboltiefe Kirchenoper "Martins Lüge".

Menottis Opernrezept, einen starken Inhalt mit leidenschaftlich zupackener Melodik zu kombinieren, hat bei den US-amerikanischen Komponisten Schule gemacht und findet Ableger in Robert Wards "Hexenjagd" nach Arthur Millers Drama und in Carlisle Floyds Bigotterie-Drama "Susannah". Auch Tobias Pickers Inzest-Tragödie "Emmeline" gehört in diese Kategorie, während Dominick Argento in seiner grellen surrealistischen Kammeroper "Postcard from Morocco" rein musikalisch eher an europäische Vorbilder wie Britten anknüpft oder, in seinen vollblütig romantischen "Aspern Papers" auch schon einmal Richard Strauss Reverenz erweist. Musikalisch spröder, aber zum Nägelkauen spannend ist Jack Beesons Opernthriller "Lizzie Borden" in der idealen Produktion der New York City Opera.

Gottfried von Einems "Dantons Tod" mit Eberhard Wächter in der Titelrolle zeigt, über welch eminente Bühnenpranke der österreichische Komponist verfügte. Eine Überraschung ist "Der Günstling" des späteren DDR-Komponisten Rudolf Wagner-Regeny: Nicht der von den Nationalsozialisten monierte Songstil herrscht vor, sondern eine geradezu barocke Handwerklichkeit. Paul Dessau, Aushängeschild der DDR-Moderne, packt in seiner Brecht-Vertonung "Die Verurteilung des Lukullus" weit kräftiger zu. Auch Siegfried Matthus gelingt in "Judith" eine bemerkenswerte Oper, die ihre neue Klanglichkeit ganz in den Dienst des Dramas stellt.

"Elegie für junge Liebende" mit einem Libretto von W. H. Auden und Chester Kallman über ein Charakterscheusal von Dichter ist Hans Werner Henzes mit Abstand packendste Oper - die Aufführung in der Regie von Pier Luigi Pizzi hat Modellcharakter.

Märchen und Komödien

Unfassbar originell sind die Produktionen von Carl Orffs Märchen-Einaktern: "Der Mond" kommt als herrlich verspielte Fernseh-Produktion daher, in der die Meckis der Programmzeitschrift "Hörzu" ihre Spuren hinterlassen haben. "Die Kluge" ist eine Aufführung des Münchner Marionettentheaters - witzig und fantasievoll, ganz so, wie Orffs vitale Musik mit ihrem rhythmischen Puls und den Melodien nach dem Motto: einmal gehört - gleich nachgesungen.Apropos Märchen (und für einen Moment zurück in die DDR): Joachim Wertzlau hat eine Oper über "Meister Röckle" von Karl Marx geschrieben. Klingt das nicht sehr nach Strawinski? Und ob!

Nach wie vor richtig Spaß macht Ermanno Wolf-Ferraris Zwei-Personen-Einakter "Susannes Geheimnis", dessen Witz in der völlig grundlosen Eifersucht des Mannes besteht. Wie man das Stück in Nichtraucher-Zeiten zu einem politisch korrekten Ende bringen könnte, steht freilich in den Sternen. Richtig vergnüglich sind auch die Opern von Nino Rota, der vor allem als Filmkomponist ("Rocco und seine Brüder", "Der Pate") bekannt ist. "Der Florentiner Strohhut" ist allerbeste Rossini-Nachfolge, zu erleben in einer technisch etwas mangelhaften Aufnahme aus der Mailänder Scala mit Juan Diego Florez und einer perfekten und knallbunten aus dem  Teatro savoia in Campobasso. Rotas etwas älterer Landsmann Luigi Dallapiccola wandte sich in der Schönberg-Richtung zu, doch gewinnt er seinen Zwölftonreihen mediterrane Kantabilität ab. Sein Einakter "Der Gefangene" über die Qual der enttäuschten Hoffnung ist von ungeheurer Wucht. Die Aufführung des Teatro Colòn ist unvergleichlich!

Zwei französische Opern, beide kurz (am besten hintereinander sehen), beide von Komponisten der "Groupe des six" , die dem trockenen Neoklassizismus den französischen Charme hinzufügten: Francis Poulenc kommt dem surrealistischen Drama "Die Brüste des Tiresias" von Guillaume Apollinaire mit einer gehörigen Portion Chanson bei - da herrscht in der Oper weit größeres Lachen als im Theaterstück. Kurz, gedrängt, auf das Wesntliche beschränkt und doch so unfassbar reich ist "Das Unglück des Orpheus": Darius Milhaud malt die Gefühle weniger, eher zeichnet er sie - aber welche Schattierungen findet er, und wie intensiv klingt das kleine Orchester in diesem Wunderwerk. Da fühlt man sich an die verwandte Oper "Meister Pedros Puppenspiel" des Spaniers Manuel de Falla erinnert, die ebenfalls von südlicher Sonne durchleuchtet ist.

Operntthriller aus Argentinien

Seltsam: Es findet sich keine szenische Produktion des Sex-and-Crime-Thrillers "Bomarzo" von Alberto Ginastera. Aber starker Toback ist ja auch seine "Beatrice Cenci". Seltsam: Dem Argentinier gelingt es, seine avantgardistischen Techniken von Zwölftonkonstruktionen über Klangflächen und begrenzt improvisatorische Elemente dermaßen mit dem Stoff zu verschmelzen, dass man nicht mehr fragt, wie das Ganze gemacht ist, sondern das Werk ganz einfach auf sich wirken lässt. Ganz so, als wäre es eine völlig traditionelle Oper.

Apropos Südamerika: Der Brasilianer Carlos Gómez war nicht nur Zeit-, sondern gewissermaßen auch Stilgenosse von Giuseppe Verdi. Seine Oper "O Guarani" ist mit ihrer Exotik und dem  Uraufführungsjahr 1870 die  um ein Jahr jüngere Schwester der "Aida".

Lust auf Barockes? - Jean-Baptiste Lullys "Armide" ist herrlich opulentes  Musiktheater, und Marin Marais entwickelt in "Ariadne und Bacchus" wirkliche Größe, die Kombination von Oper und von der Handlung gerechtfertigten Tanzszenen funktioniert auch in der heutigen Zeit perfekt, wie die makellose Aufführung der Haymarket Opera Company unter Beweis stellt.

Und doch noch zwei Klassiker

Zum Schluss noch ein Hinweis auf eine wundervolle Produktion eines Juwels der deutschen romantischen Oper: Carl Maria von Webers so arg unterschätzter, so wunderbarer "Oberon" entfaltet sein ganzes herrliches Panorama in der DDR-Verfilmung aus dem Jahr 1962: Schwarzweiß kann wahrhaft bunter sein als Farbe!

Und darf's zu guter Allerletzt doch noch ein Klassiker sein, an dem man zwei Stunden hängenbleibt und für alles verloren ist, was um einen vorgeht? - Giuseppe Verdis "Othello", in deutscher Sprache und in der Regie von Walter Felsenstein: Oper? Drama!

Jedenfalls ist es Zeit für die YouTube-Opernzeit. Nebenbei: Lukas findet Dzerschninskis "Stillen Don" unerheblich. Wenn das der Stalin wüsste...