Am Montag, 6. April, wurde von der Politik verordnet, dass Veranstaltungen bis Ende Juni verboten sind. Für das diesjährige Impulstanz-Festival bedeutet diese Verordnung Hoffnung. Hoffnung, von 9. Juli bis 9. August die zahlreichen Workshops und Performances durchführen zu können. Im Interview mit der "Wiener Zeitung" erklärt der Impulstanz-Intendant Karl Regensburger die etlichen Einschränkungen, die dann notwendig sind, aber auch die Bedenken und Ängste eines Veranstalters.

"Wiener Zeitung": Wie geht das Impulstanz-Team mit der aktuellen Krise um?

Karl Regensburger: Die Schwierigkeiten beginnen damit, dass viele professionelle Gruppen gar nicht reisen dürfen. Wir hätten für zwei Wochen 30 Studenten von der Universität Melbourne zu Gast gehabt. Die Workshops und Performance-Karten waren gebucht. Sie dürfen nun bis Ende August gar nicht das Land verlassen. Eine ähnliche Kooperation gibt es mit der Tanzabteilung der Universität von Seoul oder zahlreichen Gruppen aus dem norditalienischen Raum. Die Reisebeschränkungen belasten uns schon sehr. Vor allem im professionellen Bereich rechnen wir mit deutlich weniger Teilnehmern. Wir haben deshalb versucht, umzustrukturieren und ein Workshop-Festival zu organisieren, das zwar kleiner ist, aber trotzdem noch 158 anstelle von circa. 230 Kursen anbieten kann. Eine Reduzierung, die zwischen den Kursen Pausen ermöglicht, die Räumlichkeiten zu desinfizieren.

Liegt nicht eine Gefahr der Ansteckung auch in den Garderoben oder in der Anzahl der Workshop-Teilnehmer?

Jaja... (atmet tief durch). Es hängt alles in der Luft. Dazu kommen noch Sorgen, fast Ängste, innerhalb des Teams: Was passiert, wenn wir das Festival starten? Wir bringen immerhin rund 500 Künstler aus mehr als 50 Ländern nach Wien. Es reisen auch zahlreiche Teilnehmer aus anderen Ländern an, und es gibt am zweiten Tag einen Covid-19-Fall im Festival. Dann müssen wir alle in Quarantäne und tragen Verantwortung für 14 Tage Aufenthaltskosten. Das wäre unser Bankrott. Vor allem: Keiner wird dafür Verständnis haben, auch wenn natürlich alles gesetzeskonform vonstattengegangen wäre. Diesen Rufschaden wird man lange nicht los. Diese Angst wird stärker!

Wie geht’s jetzt weiter?

Mit dem überarbeiteten Programm werden wir diese Woche rausgehen. Wir haben aber den Buchungsstart auf 12. Mai verschoben. Wir müssen in näherer Zukunft entscheiden, ob es gehen wird oder nicht. Die Situation ist schwer einschätzbar, es verändert sich international doch immer wieder etwas. Parallel dazu entwickeln wir Alternativen, um vielleicht im Spätsommer unsere gratis Workshop-Reihe "Public Moves" an mehreren Orten in Wien anzubieten und unsere Museumskooperationen mit dem Mumok, dem Leopold Museum und dem Kunsthistorischen Museum in den Herbst zu verlegen. Bei vielen Performances wird es schwer, denn dafür brauchen wir die Bühnen, und diese werden im Herbst dann selbst von den Theatern bespielt und sind somit für uns nicht mehr greifbar.

Und das Festival komplett Open Air zu veranstalten?

Teile davon: Wir haben die "Public Moves"-Serie ohnehin vor vier Jahren für draußen entwickelt. Da könnte ich mir vorstellen, dass man mit dem nötigen Abstand auch auf der grünen Wiese arbeiten kann. Verschiedene Klassen hingegen, die erhöhte Aufmerksamkeit brauchen und bei denen man keine Beobachter wünscht, funktionieren im öffentlichen Raum nicht. Das würde dem Klassenziel widersprechen.

Rechnen Sie noch damit, dass Impulstanz heuer stattfindet?

Ich hoffe noch. Aber wir harren der notwendigen Genehmigungen.

Wenn das Festival nicht stattfinden kann: Gibt es Alternativen? Etwa ins Internet auszuweichen?

Wenn entschieden wird, dass wir es nicht machen, oder wir entscheiden so, weil uns das Risiko zu hoch erscheint, dann wird es im Netz etwas geben. Inwieweit es den Performance-Sektor betreffen wird, muss man sich überlegen, denn Performances leben mit der Stimmung und der Atmosphäre. Auch entspricht eine Online-Ausgabe nicht dem Charakter unseres Festivals. Es ist Live-Art.

Wann werden Sie die Entscheidung treffen?

In den nächsten Wochen. Sonst schaffen wir es nicht mehr.

Sie haben auch viele Sponsoren. Wie verhalten sie sich zurzeit?

Die Kooperationen liegen vorerst auf Eis, aber wir sind mit allen in Kontakt, und die Bereitschaft zu einer weiteren Zusammenarbeit ist groß. Ich kann mich noch an die Finanzkrise erinnern, die viele Unternehmen sofort veranlasste, die Sponsorengelder einzufrieren. Man braucht fünf bis sechs Jahre, um wieder auf das gleiche Niveau zu kommen - wenn man es überhaupt schafft. Nun steht Ähnliches zu befürchten. Darüber hinaus haben wir 50 Prozent Eigenfinanzierungsquote, die sich zu einem Gutteil aus Karteneinnahmen aus den Veranstaltungen zusammensetzt. Inwieweit das Publikum bereit sein wird, nach dem sogenannten Hochfahren sofort alle Veranstaltungen zu stürmen, steht in den Sternen. Das sieht man an Wuhan: Die Kinos sind wieder offen, aber niemand besucht sie.

Sie haben viel Kontakt zu Künstlern. Wie ist die Stimmung?

Zu Beginn war sie gar nicht so schlecht, weil diese Entschleunigung zum Reflektieren angeregt hat. Aber mittlerweile spüre ich bei den Künstlern sowie im gesamten Umfeld zunehmende Existenzsorgen.

Was würden Sie Künstlern raten?

Mit allen Energien, die man entwickeln kann: Weitermachen und John Lennon hören - "Strange Days, Indeed"!