Geplant war "Der Kreisky-Test" als Theaterabend im brut-Studio. Dann kam Corona und die Wiener Formation Nesterval emigriert nun ins Internet. Wie das vor sich geht, darüber sprach die "Wiener Zeitung" mit Regisseur Martin Finnland.

"Wiener Zeitung:" Wie lässt sich Ihr szenisches Spiel ins Internet quetschen? Nesterval lebt davon, dass die Bühne zum Erlebnisraum wird, die Zuschauer sich frei durch die Rauminstallationen bewegen.

Martin Finnland: Mit "Der Kreisky-Test" wollten wir ohnehin einmal in einem viel kleineren Rahmen arbeiten als bisher. Das Stück war darauf angelegt, dass jeweils zwei Besucher auf einen Darsteller treffen, insgesamt gibt es acht Akteure und 16 Zuschauer. Dieses Konzept ließ sich mit wenigen Adaptionen erstaunlich gut ins Internet transformieren.

Wie gehen Sie das an?

Wir verwenden die Video-App "Zoom". Wir proben damit auch schon. Bei der Vorstellung befinden sich anfangs alle in einem gemeinsamen virtuellen Raum, dann werden je zwei Besucher in private Videochats mit den Darstellern geleitet, die jeweils allein in ihren Wohnzimmern sitzen. Wir arbeiten gerade an der technischen Umsetzung, es wird wohl während der Vorstellung so etwas wie IT-Inspizienten geben.

Verlangen Sie Eintritt?

Ja, die Zuschauer erwerben ein Ticket, erhalten den Link und werden dann wie bei einem realen Theaterbesuch eingecheckt.

Viele Kultureinrichtungen bieten gerade gratis Streamings an.

Das ist schön, aber für uns geht es dabei auch ums finanzielle Überleben. Wir mussten fünf große Projekte absagen, eines hätte uns übrigens nach Italien geführt. Es ist ein Kampf, das kann man nicht schönreden. Manchen Kollegen sind die Einnahmen komplett weggebrochen. Wir erleben aber auch viel Solidarität innerhalb von Nesterval, so kam es zu einigen Umbesetzungen, um Kollegen auszuhelfen. Das hat mich berührt und gefreut. Das stärkt unsere Nesterval-Familie. Zum anderen ist "Der Kreisky-Test" ein neues Stück und nicht eines, das bereits gespielt, aufgezeichnet und nun nochmals gestreamt wird. Wie bei unseren bisherigen Produktionen wird es auch bei diesem, nun räumlich adaptierten Konzept um Partizipation und ein gemeinsames Erlebnis gehen.

Worum geht es inhaltlich?

Eine fiktive Geschichte bildet die Rahmenhandlung: Jonas Nesterval begibt sich auf die Suche nach seiner Mutter, sie verließ die Familie, als er noch ein Kind war. Nun findet er Dokumente, die darauf schließen lassen, dass sie im engsten Umfeld von Bruno Kreisky tätig war, mit sozialistischen Aktivistinnen aus ganz Europa in Verbindung stand und an einem geheimen Projekt arbeitete. Diese politischen Frauen bilden die inhaltliche Klammer. Unsere Grundsatzfrage war: Wie geht eine Gesellschaft damit um, wenn sie mit einer Bedrohung von außen konfrontiert ist?

Meinen Sie so etwas wie eine weltweite Corona-Pandemie?

Nein, wir bleiben bei unseren Themen, es soll jetzt kein Stück über Corona werden. Jeder von uns erlebt das alles in Echtzeit, es ist uns noch zu nahe, da besteht leicht die Gefahr, dass man platt wird. Spannender finde ich, Parallelen zwischen der Gegenwart und den 1970er Jahren zu ziehen.

Welche Parallelen erkennen Sie?

Damals wollte Bruno Kreisky das Atomkraftwerk Zwentendorf in Betrieb nehmen. Die Angst vor dem Atomstrom hat eine Gegenbewegung ausgelöst und zu neuen Zusammenschlüssen - wie etwa zur Gründung einer neuen Partei, den Grünen - geführt. Solche Phänomene interessieren uns: Wie breitet sich Angst innerhalb einer Gesellschaft aus? Welche Auswirkungen hat das für eine Demokratie? Niemand kann vorhersagen, wie die Corona-Krise unsere Gesellschaft verändern wird, aber dass das alles nicht spurlos an uns vorübergehen wird, ist unumstritten. Ich könnte mir gut vorstellen, dass aus dieser Zeit des globalen Atemanhaltens neue Bewegungen hervorgehen werden.