Wer eine Theaterkarte für die jüngste Nesterval Produktion "Der Kreisky Test" erwirbt, erhält gleichzeitig eine Anleitung für die Handhabe von Zoom, einem Programm für Videokonferenzen, wie es dieser Tage wohl viele aus dem Homeoffice kennen.

Wer ist Gertrud Nesterval? Was waren ihre politischen Ziele? Ein neues Nesterval-Rätsel. - © Lorenz Tröbinger
Wer ist Gertrud Nesterval? Was waren ihre politischen Ziele? Ein neues Nesterval-Rätsel. - © Lorenz Tröbinger

Es ist unausweichlich, dass auch dem Theaterversuch etwas vom eigenwilligen Charme einer Videokonferenz anhaftet: 15 Theaterbesucher und acht Akteure begegnen einander via Bildschirmen, sitzen jeweils in ihren Wohnungen, mitunter flackert das Bild ein wenig, es braucht eine gewisse Disziplin, wenn man durcheinanderredet, versteht man gar nichts mehr, auch in den Einzelgesprächen kann es mitunter zu ungewolltem Stillstand kommen. Bis auf diese geringen Misslichkeiten funktioniert die ganze Sache technisch aber erstaunlich gut, auch wird man im Lauf der 90-minütigen Aufführung reibungslos von einer Runde zur nächsten gelotst.

Online-Charme

Die Rahmenhandlung für "Der Kreisky Test" bildet eine fiktive Geschichte, in der sich ein gewisser Jonas Nesterval auf die Suche nach seiner verschollenen Mutter begibt. Er findet Dokumente und Filmaufnahmen aus den 1970er Jahren, die auch eingespielt werden, die nahelegen, dass Gertrud Nesterval im Umfeld von Bruno Kreisky tätig war, mit sozialistischen Aktivistinnen aus ganz Europa in Verbindung stand und an einem geheimen revolutionären Projekt arbeitete.

Der verlorene Sohn will gewissermaßen das politische Erbe der Mutter antreten und sucht nun geeignete Kandidaten für eine sozialistische Revolte. Die Theaterbesucher sollen dabei helfen, sie führen mit den Akteuren den sogenannten "Kreisky Test" durch. Bei dieser fingierten Laborsituation stellt man den Akteuren vorgegebene Fragen, mit deren Hilfe die ideologische Sattelfestigkeit ermittelt werden soll, wobei es aber nicht nur um die hehre Politik, sondern auch um Kindheitserinnerungen und dunkle Familiengeheimnisse geht.

Der Dialog lebt, wie immer bei Nesterval, von der Schlagfertigkeit und dem Improvisationstalent der Akteure, allerdings raubt der Bildschirm und das starre Zeitgerüst doch viel an Spontanität. Obwohl die Performer wacker versuchen, das Publikum ins Geschehen zu involvieren, bleibt man beim Online-Meeting zwangsläufig etwas außen vor.

Bekannt ist das queere Performancekollektiv, 2011 in Wien gegründet, vor allem für seine aufwendig arrangierten Rauminstallationen, in denen sich die Zuschauer frei bewegen und Erfahrungen in den inszenierten Welterfindungen sammeln. Für die rurale Apokalypse "Das Dorf" wurden sie für dem Nestroy nominiert. Auch "Der Kreisky Test" war ursprünglich als immersive Begegnung gedacht, die Online-Aufführung ist dem gegenwärtigen Aufführungsverbot geschuldet. Nesterval haben mit diesem Kraftakt, auch wenn er nicht rundweg geglückt ist, immerhin ihr Projekt gerettet. Chapeau. Eine Fortsetzung folgt im Herbst 2020, hoffentlich unter anderen Bedingungen.