Das Coronavirus und die damit einhergehenden Ausgangssperren setzen der Wiener Theaterlandschaft massiv zu. Selbst wenn die Abstandsvorschriften langsam gelockert werden sollten, ist es schwer vorstellbar, dass in absehbarer Zeit Aufführungen in vollbesetzten Theatern stattfinden werden. Die "Wiener Zeitung" sprach mit Josefstadt-Intendant Herbert Föttinger darüber, wie sich die Krise meistern - und was sich daraus lernen lässt.

"Wiener Zeitung":Wie verbringen Sie die Zeit im Ausnahmezustand?

Herbert Föttinger: Ich habe mein Homeoffice am Semmering aufgeschlagen. Von hier aus planen mein Team und ich die kommende Saison, wenngleich wir noch gar nicht wissen, wann wir überhaupt eröffnen können.

Bis dato gilt das Aufführungsverbot bis Ende Juni. Wie geht es weiter?

Das wüssten wir auch gerne! Wir müssen die kommenden Regierungsbeschlüsse abwarten. Entscheidend ist für uns, was mit den Festivals in Salzburg und in Bregenz passieren wird. Wenn diese in irgendeiner Form stattfinden werden, wäre das für uns ein Signal, durchstarten zu können.

Viele Bühnen und Künstler streamen, auch Sie bieten Vorstellungen via "Globe Wien Player" an. Wie sehr wird das genützt?

Das weiß ich nicht. Die Internetangebote sind Versuche, das Theater in diesen schwierigen Zeiten in irgendeiner Form lebendig zu erhalten - aber es kann einen Theaterbesuch nie ersetzen. Theater braucht Zuschauer! Erst durch das gemeinsame Erleben wird es zu einem Erlebnis, aufgezeichnete Vorstellungen sind immer seelenlos. Ohne Dialog mit dem Publikum geht die eigentliche Bedeutung verloren.

Die Josefstadt verfügt über einen starken Abonnentenstock. Wie verhält sich das Stammpublikum in der Krise?

Wir haben solidarische Besucher, die auf die Rückerstattung des Geldes verzichten. Es ist bewegend, wie sehr das Publikum in dieser schwierigen Situation zu uns hält, wie groß die Verbundenheit mit unserem Haus ist.

Wie sieht die wirtschaftliche Lage aus?

Der ökonomische Schaden ist immens. Im Normalfall erzielen wir einen Eigendeckungsgrad von 40 Prozent - bis Ende Juni werden wir einen Verlust von rund vier Millionen Euro angehäuft haben. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass Bund und Stadt Wien uns unterstützen werden. Sowohl Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler, die sich mit unglaublichem Engagement für uns und die Wiener Theaterszene einsetzt, als auch Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek zeigen großes Verständnis für diese schwierige wirtschaftliche und künstlerische Situation.

Ein Gedankenspiel: Die Theater öffnen bald - was passiert?

Das lässt sich heute noch nicht abschätzen. Ich selbst bin da sehr gespalten. Der Optimist in mir sagt, das Publikum wird die Theater stürmen, der Pessimist gibt zu bedenken, ob Menschen nicht zu besorgt sein werden, um mit anderen in einem Saal zu sitzen.

Werden wir alle mit Mundschutz im Publikum sitzen?

Stellen Sie sich diesen Anblick vor! Aber solange wir auf der Bühne keinen Mundschutz tragen müssen, soll mir auch das recht sein.

Was fehlt einer Stadt, wenn ihre Theater über Monate hinweg geschlossen bleiben?

Für viele Menschen wird es den Anschein haben, dass für sie durch die Schließung der Theater kein Verlust entsteht. Aber diese Menschen irren sich. Theater sind das humanistische Rückgrat eines Landes, es sind Orte, an denen die gesellschaftspolitischen Probleme der Zeit verhandelt und gleichzeitig veröffentlicht werden. Wenn Kunst und Kultur schweigen muss, schweigt damit auch ein Teil des kritischen Denkens.

Die Pandemie stellt uns vor Herausforderungen. Was fließt davon in die Spielplangestaltung der kommenden Saison ein?

Viele unserer Produktionen sind bereits geplant, aber hier braucht es Flexibilität, wir können nicht an dem Thema vorbeigehen. Wir bemühen uns gerade um die Rechte für ein Stück, das sich mit einer Pandemie beschäftigt. Für die übernächste Saison wird Daniel Kehlmann für uns darüber schreiben.

Was benötigt der Spielplan für die kommende Saison: Ablenkung oder Auseinandersetzung mit den Folgen der Pandemie?

Es braucht wie immer eine Balance, aber die Komödie gewinnt sicher an Bedeutung: Sehr viele dürften gerade das starke Bedürfnis verspüren, die momentane Niedergeschlagenheit für ein paar Stunden hinter sich zu lassen. Zugleich ist das Theater auf die ernsthafte Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Problemen unserer Zeit angewiesen.

Viele Beobachter sind der Auffassung, dass sich die Gesellschaft an einem Wendepunkt befindet. Wie lautet Ihr Befund für die Welt nach Corona?

Wenn man die vergangenen Wochen Revue passieren lässt, könnte man den Eindruck gewinnen, dass der europäische Gemeinschaftsgedanke im Moment der Krise leichtfertig aufgegeben wurde. Die Staaten haben sich abgekapselt, jedes Land hat für sich versucht, dem Problem Herr zu werden. Das ist verständlich - eine staatenübergreifende Strategie wäre vielleicht besser gewesen.

Müssten wir einige Prämissen unserer Gesellschaft verändern?

Die hätten wir schon vor vielen Jahren verändern sollen. Aber bleiben wir konkret bei der Corona-Krise und der medizinischen Versorgung: Dass man sich dabei so von anderen Kontinenten abhängig machte, ist problematisch, hier müsste sich dringend etwas ändern. Ob ein Umdenken tatsächlich stattfinden wird? Ich bin nicht sonderlich optimistisch.

Was lernen wir aus der Krise?

Das ist die große Frage! Ist die Menschheit bereit, aus der Geschichte zu lernen? Nach dem Ersten Weltkrieg brach die Spanische Grippe aus, bei dieser weltweiten Pandemie waren 50 Millionen Tote zu beklagen. Machte all das Leid die Menschheit klüger? In der gegenwärtigen Pandemie erkennt man, wie sehr der nationalstaatliche Egoismus wieder erstarkt. Kein Mensch denkt daran, wie es den Flüchtlingen auf den griechischen Inseln geht, welche humanitären Katastrophen drohen, wenn das Virus Teile Afrikas erfasst. Wir müssen endlich lernen, dass abgeschottete Grenzen die Probleme der Erde nicht lösen, wir müssen mit wachem Verstand den globalen Problemen endlich gegenübertreten! Wahrscheinlich brauchen wir aber nochmals Jahrhunderte, bis wir die Grundsätze der Aufklärung endlich verwirklicht haben!